Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 12 (1916)
- Issue
- Heft 7-9 (Juli 1916)
- Article
- Die Geburtenfrage bei den deutschen Juden
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 86 (sequence 8)
- Language
- German
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- 86 - leben einbezogen werden. Zwischen 1882 und 1907 hat sich die Zahl der erwerbstätigen jüdischen Frauen von 15,94 auf 30% aller jüdischen Weiblichen, also beinahe um das Doppolte erhöht:*) „1895 standen 183.563 erwerbstätigen männlichen Juden 61023 weibliche gegenüber, d, h. von 100 erwerbstätigen Juden waren 25; weiblich; 1907 war das gegenseitige Verj hältnis derart, daß sich 207.229 Männer und j 85.530 Frauen gegenüberstanden, d. h. von I 100 Erwerbstätigen waren etwa 30 Frauen." \ Dabei sind allerdings die berufslosen Selb- \ ständigen (eine merkwürdige Gepflogenheit \ unserer Statistik) als Erwerbstätige mitge- I zählt. Aber selbst wenn wir von ihnen \ absehen, finden wir 1895 und 1907 eine j Erhöhung der Zahl der eigentlichen Erj werbstätigen von 33 129 auf 48 976, oder j um 47 %.! Die nächste Folge der größeren Anteilj nähme am Erwerbsleben ist neben der Lok-; kerung der Familienbande die größere sittliche Gefährdung der im Strome der Welt \ auf die eigene Kraft und Verantwortung gestellten jugendlichen Weiblichen. Die Tatsache, daß innerhalb des Judentums eine steigende Zahl von unehelichen Geburten zu verzeichnen ist, ist eine begreifliche Folge jener arideren, daß es z. B. in Berlin etwa 25.000 wirtschaftlich selbständige unverheiratete jüdische Mädchen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren gibt. Ebenso wie die andere Tatsache des Eheschlusses in vorgerückten Jahren den jüdischen jungen Mann zum Konsumenten der Prostitution macht und ihn damit den die Zahl und Beschaffenheit des Nachwuchses empfindlich schädigenden Einflüssen der venerischen Erkrankung aussetzt. Nun zu den Schlußfolgerungen. Spät- *) Segall, a. a. O-, S. 78 ff. ehe und weibliche Erwerbstätigkeit sind Dinge, die uns von der zozialen und wirtschaftlichen Entwickelung aufgedrungen worden sind. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die furchtbaren Lehren und Erfahrungen dieses Krieges, die psychischen Erschütterungen und Neuwertungen, die mit ihm einhergehen, die Lasten, Opfer und Entbehrungen persönlicher und allgemeiner Art, die er uns auferlegt, einen reinigenden und erziehlichen Einfluß weit über seine Dauer hinaus ausüben werde. Noch auf lange werden wir von Staatswegen mit allerhand den Konsum ordnenen und einschränkenden Eingriffen zu rechnen haben. Hoffen wir, daß darüber hinaus die grundstürzenden Geschehnisse, in deren Mitte wir uns befinden, einen heilsamen Einfluß dahin geltend machen, daß wir vieles von dem, was uns vor dem Krieg erstrebenswert, wichtig oder gar unentbehrlich dünkte, in seiner ganzen Nichtigkeit und Ueberflüssigkeit erkennen und zu den einfacheren Sitten und Lebensgewohnheiten unserer Altvordern zurückkehren werden. Geschieht das, dann kann auch wieder von der Frühehe, von einem Eheschluß in jungen Jahren die Rede sein. Dann kann wiederum an die Stelle der rauschenden und so unendlich hohlen Gesellschaftlichkeit, an die Stelle der öden Kino- und Varietepseudokultur jenes gemütvolle Beisammensein von Menschen im Schoß der Familie, wie es uns z. B. in den Bildern Oppenheims „Aus dem jüdischen Familienleben'' so ergreifend gegenübertritt, oder jene edle Geselligkeit treten, die in dem Salon einer Rahe! zu Hause war. Solche Entwicklung wäre ein unendlicher Gewinn. Schätze innigster und köstlichster Art sind in den Begriff des jüdischen Familienlebens eingeschlossen. Sie für uns zu entdecken und zu heben, muß und soll \ uns eine dankbare Aufgabe sein.