Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 10 (1914)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1914)
- Article
- Judenfrage und Statistik
- Date
- 1914-11-01
- Page
- Seite 150 (sequence 5)
- Language
- German
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— 150 — zu liefern, den man aus dem einen oder anderen Gesichtspunkte und Grunde zur jüdischen Bevölkerung zu rechnen berechtigt ist Dabei ist es möglich, viel mehr ins Detail zu gehen als dies bei der allgemeinen Statistik geschehen kann. Denn da die jüdische Bevölkerung eine homogenere Grundmasse darstellt als die Bevölkerung im Ganzen, indem ein Differenzierungsmoment wegfällt (Konfession etc.), können die anderen Differenzierungsmomente besser berücksichtigt werden. Die Pflege der Statistik der Juden liegt aber auch im Interesse der allgemeinen Statistik, denn wie Rudolf Wassermann für die Kriminalstatistik, dann Ruppin und Knöpfel für die Bevölkerungsstatistik nachgewiesen haben, können die für die Juden nachgewiesenen Ziffern, da die Juden auf vielen Gebieten der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der übrigen Bevölkerung voraneilen, gewissermaßen als Barometer der allgemeinen Statistik dienen. IV. Die Statistik ist aus Gründen der individuellen Unzulänglichkeit größtenteils öffentliche Arbeit. Darin unterscheidet sie sich von der Soziologie. Diese beobachtet das j soziale Verhalten der Masse und zieht aus j einer großen Zahl solcher Beobachtungen j ihre Schlüsse. Bei der Statistik tritt an die | Stelle der Massenbeobachtung die Massenzählung, an Stelle der massenhaften Forschung Einzelner die Massenerforschung durch Gej meinwesen, an Stelle der Massenarbeit die j Massenhaftigkeit öffentlicher Geldmittel. Mit j anderen Worten: eine Teilung zwischen! Produktion und Konsumtion gehört zum j Wesen jeder entwickelteren Statistik. Gegenj wärtig sind die öffentlichen Gemeinwesen i (Reich, Staat, Gemeinde) die Hauptproduj zenten der Statistik. Die „Arbeitsteilung"! zwischen der Beschaffung statistischen Materials und seiner Benützung durch den Gelehrten, Politiker und Philantropen hat für diese Kategorien etwas mißliches, weil sie sie in Abhängigkeit von den Organen der statistischen Produktion bringt. Besonders der Konsument der jüdischen Statistik findet im amtlichen Material viele Lücken, die auch durch noch so geistreiche und dabei vorsichtig zu handhabende, weil mit Fehlerquellen über und über behaftete Konstruktionsversuche und Interpolationen nicht ganz geheilt werden können. Einen gewissen Trost bietet die oben erwähnte Dreigliedrigkeit der amtlichen Statistik. Denn wenn das Reich über wissenswerte Details mit verächtlicher Grandseigneurmiene hinübergleitet, so finden sie vielleicht die gnädige Beachtung des Landesstatistikers, und die Stadtstatistik bildet einen häufig sehr reich sprudelnden Quell der Erkenntnis, der sich freilich nur in ein enges Tal ergießt. Die Statistik hat also nicht nur für den Staat eine große Bedeutung, indem sie die Staatskunst auf das solide Fundament der Gesellschaftswissenschaft stellt, sondern auch für alle im Staat vertretenen Gruppen, nicht am wenigsten für die Juden. Das hohe Maß der Brauchbarkeit der Statistik für verschiedene Zwecke hat bekanntlich ihren Ruf auch geschädigt. Man hat sie eine Dirne genannt, weil sie jedermann zu willen ist, jedem etwas Schönes zu sagen imstande ist. Aber diese Beschuldigung erscheint als vom schnellen Zorn eingegeben. Freilich kann die Statistik leicht mißbraucht werden: reinen Herzens muß man sich ihr nähern, und man muß sich hüten, etwas von ihr ertrotzen zu wollen, was sie der Wißbegierde nicht von selbst darbietet. Ich möchte daher die Statistik lieber mit einer Dame von Welt vergleichen, bei der alle zu Tisch geladen sind, aber in der Weise, daß kein Gast einen