Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 10 (1914)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1914)
- Article
- Judenfrage und Statistik
- Date
- 1914-11-01
- Page
- Seite 149 (sequence 4)
- Language
- German
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- 149 - III. Die Stärke der statistischen Methode beruht bekanntlich in dem sogenannten „Gesetz der großen Zahl". Die Wirkung dieses Gesetzes kann man am besten an einem Beispiel veranschaulichen. In einer Gebirgslandschaft tritt das zunächst liegende Terrain viel massiger vor die Augen, als es den natürlichen Größenverhältnissen entspricht. Ja, manche dahinter liegende stolze Bergspitze wird durch bescheidene, aber in der Nähe befindliche Erhebungen verdeckt. Betrachtet man dann die Bergkette aus einer größeren Entfernung, so daß die Details der Gebirgsformation verschwinden, so kann man infolge des guten Überblicks die Proportionen viel leichter feststellen. In der Nähe treten eben zufällige Einzelheiten weit schärfer, ja allzuscharf hervor, und so kommt es, daß Praktiker, besonders Parteipolitiker, auf Grund des von ihnen Beobachteten nur allzu leicht zu untreffenden Verallgemeinerungen gelangen. Dagegen hilft nur die Statistik, d. h. die zahlenmäßige Erfassung der Massenerscheinungen. Sie verhindert, daß die Ausnahmen mehr aus sich machen, als sie sind, daß sie sich ungebührlich breit machen, und bewirkt, daß die Massenerscheinungen die Bedeutung gewinnen, die ihnen von Wissenschaftswegen zukommt. In die verwirrende Mannigfaltigkeit der sozialen Erscheinungen kommt durch die Statistik Rythmus, Maß und Ordnung: sie treten in Reih und Glied und sind nur noch eine Ziffer in der sozialen Gruppe, der sie angehören. Dies bezieht sich nicht nur auf die Statistik staatlich organisierter Völker, sondern auch darüber hinaus läßt sich die statistische Methode zu exakten demologischen Beobachtungen verwerten. Es gibt nicht nur eine „deutsche Statistik", sondern auch eine „Statistik der Deutschen" (wenigstens könnte es eine solche geben). Sie hätte z. B. die in Amerika lebenden Deutschen einzubeziehen, dagegen die im deutschen Reich lebenden Polen unberücksichtigt zu lassen. Auch bei einer Statistik der Juden handelt es sich um die zahlenmäßige Erforschung der Massenerscheinungen innerhalb eines nach objektiven Merkmalen abgegrenzten Teiles der Bevölkerung. Das objektive Merkmal ist die Konfession, die jüdische Konfession. Zunächst wird also die Statistik der Juden eine Konfessionsstatistik sein. Die Differenzierung der Bevölkerung nach der Konfession hat aber eine über die religionsgeschichtliche und kirchenpolizeiliche weit hinausgehende Bedeutung. Es ist bekannt, wie sehr in Deutschland die Gliederung der Bevölkerung nach der Konfession zusammenhängt mit ihrer Gliederung nach politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten, und die Konfessionsstatistik hat daher in Deutschland von jeher eine Pflege gefunden wie nicht in allen europäischen Staaten. Die Konfession gehört eben statistisch zu den bedeutungsvollen Momenten der sozialen Differenzierung. Besonders ist das bei den Juden der Fall, weil bei ihnen die Konfession das einzige statistisch sicher erfaßbare Sypmtom einer ganzen Reihe von Erscheinungskomplexen ist, wodurch sich die Juden von dem Restbestande der Bevölkerung oder von der Bevölkerungüberhauptunterscheiden. Aufgabe der Statistik der Juden ist es, die Tatsache der Zugehörigkeit zur jüdischen Konfession immer weiter bis zu ihrem geheimsten und verwickeltsten Komplexerscheinungen zu verfolgen. Ist dies geschehen, dann erst kann es gelingen, in Abstraktion von dem konfessionellen Moment eine Demographie und Statistik jenes Teilbestandes der Bevölkerung