Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 10 (1914)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1914)
- Article
- Judenfrage und Statistik
- Date
- 1914-11-01
- Page
- Seite 148 (sequence 3)
- Language
- German
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— 148 — lange Zeit verkannt wurde. Die Höherwertung des Kapitalismus hat nun zur Folge gehabt, daß auch die Rolle der Juden im Leben ihrer Wirtsvölker höher geschätzt wurde. Dies ist der Wirtschaftskunde der Juden, namentlich auch ihrer Wirtschaftsstatistik (Berufs- und Wohlstandsstatistik) zu Gute gekommen. Eine vergleichende Untersuchung des Wohlstandes der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung in den verschiedenen Staaten würde das Maß der kapitalistischen Bedeutung der Juden im heutigen Wirtschaftsleben noch besser erkennen lassen. II. Aber die Demographie und Wirtschaftskunde sind nicht nur für die Lösung der Judenfrage von Bedeutung, sondern sie können aus ihr auch viele Anregungen schöpfen. Nachdem nämlich die Wirtschaftswissenschaft lange Zeit unter dem Einfluß der „materialistischen Geschichtsauffassung" von Karl Marx gestanden, ist in letzter Zeit wieder umgekehrt die Bedeutung der geistigen Kultur, namentlich der Religion für das Wirtschaftsleben betont worden. So hat Max Weber gezeigt, wie sehr der Puritanismus in England die Entwicklung des Kapitalismus in diesem Lande gefördert hat. Ähnlich hat, wie erwähnt, Sombart, freilich nicht ohne Widerspruch eines Teils des Kulturjudentums, das dadurch die jüdische Religion herabgewürdigt wähnte, die Bedeutung der jüdischen Religion, insbesondere des Talmud für den Kapitalismus bei den Juden und mittelbar bei ihren Wirtsvölkern dargestellt (und dadurch, nebenbei bemerkt, eine interessante Parallele zwischen dem englischen und dem jüdischen Volke eröffnet). Dadurch hat Sombart die Fruchtbarkeit des jüdischen Problems für die Wirtschaftswissenschaft erwiesen. Die Judenfrage ist also keine rein jüdische Frage, sondern eine Kulturfrage. Andererseits bildet die Judenfrage aber nur einen Teil eines viel größeren allgemeineren Problems, des Problems nämlich: Wie verhalten sich verschiedene Bevölkerungselemente zu einander, verschieden nach Konfession, Sprache, Sitte, Ursprung, Recht, Wohlstand oder der wirtschaftlichen Entwicklungsstufe, die sie erreicht haben? Kürzer ausgedrückt: wie verhalten sich verschiedene heterogene Bevölkerungselemente zu einander? Findet eine Verschmelzung, Aufsaugung, Überwältigung, Assimilation, Separation statt? Eine Anziehung oder Abstoßung? Denn dasjenige, was den Kern der Judenfrage ausmacht, das Nebeneinanderbestehen mehr oder weniger heterogener Bevölkerungselemente in den modernen Kulturstaaten, findet man zu allen Zeiten bei allen Völkern. Die Judenfrage bildet also einen Teil der Minoritätenfrage, und sie müßte neben den anderen Teilen derselben, namentlich den völkersoziologischen (Polenfrage, armenische Frage, Zigeunerfrage, Negerfrage, Japanerfrage in Amerika) behandelt werden.*) Das jüdische Problem würde nicht nur in einen größeren Zusammenhang gestellt und dadurch in ein neues Licht gerückt, sondern es würde auch selbst ein helles Licht auf die soziologisch so wichtige Minoritätenfrage werfen. Daß aber nicht nur die Wirtschaftswissenschaft im engeren Sinne und die Soziologie, sondern auch die Statistik aus einer Beschäftigung mit der Judenfrage Nutzen ziehen kann, wird weiter unten gezeigt werden. *) Auch dem berühmten deutschen Partikularismus dürfte wohl hauptsächlich der Gegensatz zwischen dem homo longinus und homo alpinus zugrunde liegen.