Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 10 (1914)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1914)
- Article
- Judenfrage und Statistik
- Date
- 1914-11-01
- Page
- Seite 147 (sequence 2)
- Language
- German
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- 147 - unterschiede. Träger des Fortschritts sind ihm nicht die Masse, sondern einzelne ausgezeichnete Menschen. Erzählt die Menschen nicht, sondern er wägt sie. Auch glaubte der jüdische Historismus angesichts der politischen Emanzipation der Juden in Westeuropa und beherrscht durch das optimistische Dogma von der fortschreitenden Kultur eine baldige völlige Lösung der Judenfrage durch das Schwergewicht der historischen Entwicklung annehmen zu können, ja die Existenz der Judenfrage im völkerbiologischen Sinne wurde von vielen jüdischen Autoren verneint. In den letzten Jahrzehnten aber mußte die Judenheit mit Unruhe, die übrige Menschheit mit Erstaunen gewahr werden, daß auch die festesten Kulturerrungenschaften nicht standhalten gegen die elementare Gewalt der menschlichen Leidenschaften und die brutale Politik verblendeter Staatsmänner. Große jüdische Volksmassen wurden hier ghettoartig zusammengedrängt, dort zum großen Teil als „lästige" Elemente von der Landesgrenze zurückgewiesen, und auch in solchen Ländern, wo die Gleichberechtigung der Staatsangehörigen als staatsrechtlicher Grundsatz aufrecht erhalten wird, winkt mit schauerlicher Deutlichkeit in der Ferne ein neues berufliches Ghetto, aufgebaut auf dem Konkurrenzkampf und seiner modernen tückischen Waffe, dem Boykott. Durch diese Zustände wurde das Augenmerk auf die gegenwärtige politische und materielle Lage der Juden mit ihren Folgeerscheinungen, Wanderungen und Kolonisation der jüdischen Volksmasse, wieder gelenkt. Resultat: Man soll die Menschen nicht wägen, sondern zählen. Für ein Volk ist die Größe der Bevölkerung sehr wichtig, ja es ist ein wesentliches Merkmal des Volkes, daß es eine Masse bildet. Ein kleines Volk, das ein großes Land hat, mag sich immerhin mit seiner räumlichen Expansionsfähigkeit trösten. Ein Volk, wie die Juden, ein Volk ohne Land, muß sein Menschenkapital sorgfältig hüten. Eine Kultur, deren Träger nur einzelne ausgezeichnete Individuen sind, ist auf Flugsand errichtet. Ihr fehlt die Quelle, aus der sie sich erhält und verjüngt: die Masse des Volkes. Ist somit eine große Bevölkerungszahl und eine normale natürliche Verjüngung derselben eine Lebensfrage für ein Volk, so ist die Wissenschaft von der Bevölkerung, die Demographie oder Bevölkerungslehre und insbesondere die Bevölkerungsstatistik eine der wichtigsten Wissenschaften für das Judentum. Aber auch die Schwesterwissenschaft der Demographie der Juden, die Wirtschaftskunde der Juden hat an Wertschätzung bei den Juden in der letzten Zeit gewonnen. Das Wirtschaftsleben der Juden galt lange Zeit, namentlich beim oben erwähnten Kulturjudentum gewissermaßen als partie honteuse. Die Gegner der Juden hatten die wirtschaftliche Beschäftigung der Juden, namentlich ihre beinahe ausschließliche Tätigkeit im Handel, als parasitären Erwerb verdächtigt und das Kulturjudentum hatte nichts weiter darauf zu erwidern gewußt, als daß die Juden andererseits Verdienste um Wissenschaft und Literatur besitzen. Es ist ein unbestreitbarer Fortschritt, daß Sombart, wenn auch häufig in übertreibendem Schwünge und mit unzulänglichem Beweismaterial, auf die Verdienste der Juden um das Wirtschaftsleben hingewiesen hat: Ohne die Juden wäre der Kapitalismus, auf dem der Aufbau der modernen Volkswirtschaft beruht, undenkbar, sie sind die Väter des Kapitalismus. Dies ist eine kulturelle Tat, denn zur Kultur gehört auch eine wirtschaftliche Kultur, und diese macht bei der Agrikultur nicht Halt. Es ist geistiger Hochmut der Nurliteraten und Nurkünstler, wenn dies