Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 9 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Article
- Zur Bildungsstatistik der jüdischen Arbeiter in Rußland
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 159 (sequence 7)
- Language
- German
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- 159 - zwar etwas höher als bei den Arbeitern (2,3 gegen 1,2%), aber immerhin noch sehr j unbeträchtlich und, was charakteristisch ist, j niedriger als bei den zur großen Hälfte j analphabetischen Lehrmädchen (hier gab es j 3,1 % solcher, die nur russisch gelernt hatten j und 1,6% solcher, die jüdisch nur lesen, j russisch aber sowohl lesen als auch schreiben! konnten). Wir sehen also, daß die jüdischen j Arbeiterinnen die Schrift ihrer Muttersprache j erlernen wollen und zu erlernen suchen; | was die jüdische Tradition bis jetzt der Frau I versagte, das Bewußtsein der Zugehörigkeit j zum jüdischen Ganzen, die Pflicht der Anj teilnähme an der kollektiven jüdischen Kultur, j das wird ihr erst durch den Eintritt in die Arbeiterklasse, durch das Hineinziehen in die Interessen der breiten Arbeitermasse aufgeschlossen. Freilich sind die Folgen dieser traditionellen Ausscheidung der Frau aus dem jüdischen Kulturleben noch schwer genug; der Cheder, mag er gut oder schlecht sein, bleibt für die Frau geschlossen, und so hatten wir selbst unter den Arbeiterinnen, deren Kultur doch immer höher als die der übrigen weiblichen Masse sein wird, die 27,4% Analphabetinnen gefunden. Dies läßt sich natürlich nicht dadurch kompensieren, daß es unter den jüdischen Frauen eine etwas höhere Anzahl (44,5 gegen 42,9%) solcher gab, die einen regelmäßigen Schulunterricht genossen zu haben scheinen und sowohl russisch als auch jüdisch lesen und schreiben können. Übrigens ist auch dies nur auf das littauische Wilna zurückzuführen, wo allein fast zwei Drittel aller befragten Arbeiterinnen beschäftigt und wo 56,1% aller weiblichen gegen 53,8 % aller männlichen Arbeiter russisch und jüdisch lesen und schreiben konnten. Dagegen bildete dieses Verhältnis bei den jüdischen Arbeiterinnen in Warschau 30,2% gegen 38,2% bei den Männern, in Berditscheff 27,7 gegen 37,3%, in Busin selbst 16,4 gegen 23,4%. In diesem Zustande der tiefen geistigen Verwahrlosung der chassidischen Arbeiterin finden sich nun auch solche, die ihre Bildung ausschließlich assimilatorischen Einwirkungen zu verdanken haben. Die Anzahl der Arbeiterinnen, die nur russisch (bezw. polnisch) gelernt hatten, jüdisch aber weder schreiben noch lesen konnten, betrug in Warschau und Berditscheff 6,5%, in Wilna aber nur 0,9%. Wo die Tradition in ihrer vollen Kraft anhält, da wird die Frau aus dem jüdischen Gemeinschaftsleben ausgeschlossen und folglich allen äußeren Beeinflussungen ausgesetzt, und so bleibt die Frau der glaubenseifrigen Chassidim dem Judentum viel fremder als als die der freigeistigen Littauer. Was noch ferner hervorzuheben ist, ist, daß die jüdische Bildung an und für sich bei den Arbeiterinnen einen anderen Charakter als bei den Arbeitern trägt. Unter den Arbeiterinnen, die jüdisch gelernt hatten, gab es nur eine geringe Anzahl solcher, die nicht schreiben konnten, (1,5% gegen 20,9% solcher, die nur jüdisch, aber sowohl schreiben als auch lesen konnten)* Die Arbeiterinnen hatten ihre jüdischen Kenntnisse nicht im Cheder, sondern auf privatem Wege erworben; ihr Unterricht war auf weltliche praktische Zwecke eingestellt, und so konnte der Unterricht des Schreibens nicht unterlassen werden. Das Prozent der Arbeiterinnen, die jüdisch schreiben können, ist kaum etwas niedriger (68 gegen 68,9%), in Warschau und Berditscheff selbst etwas höher als bei den männlichen Arbeitern. Wenn also die Überlegenheit der männlichen gegenüber den weiblichen Arbeitern sich fast ausschließlich in der hohen Anzahl jener Arbeiter ausdrückt, die nicht einmal jüdisch schreiben und sehr häufig nicht einmal ein jüdisches Buch lesen können, so ist doch