Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 9 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Article
- Zur Bildungsstatistik der jüdischen Arbeiter in Rußland
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 158 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 158 - Lehrlinge gegen 44,5% Arbeiterinnen Während die Bildungsverhältnisse der männlichen Lehrlinge im Vergleich zu denen der erwachsenen Arbeiter einen greifbaren Fortschritt aufwiesen, bleiben hier die weiblichen Lehrlinge umgekehrt weit hinter den erwachsenen Arbeiterinnen zurück. Dies läßt sich durch zweierlei Ursachen erklären. Erstens ist das Lehrlingswesen unter den jüdischen Arbeiterinnen sehr schwach entwickelt: die Lehrmädchen bildeten nur 11,0% aller befragten Lehrlige, während das Prozent der weiblichen Arbeiter 28,1 betrug. Denn jüdische Mädchen, die irgend eine Möglichkeit haben, im Hause ihrer Eltern zu bleiben, gehen nicht in die Lehre und kommen direkt als Lohnarbeiterinnen an, ohne das Lehrlingsstadium durchgemacht zu haben. Nur die ärmsten Bevölkerungsschichten, die ihre Kinder schon im frühen Alter aus dem Hause geben müssen und keine Möglichkeit haben, für ihre Bildung zu sorgen, geben ihre Töchter in die Lehre. Auch ist es selbstverständlich, daß, da die meisten Arbeiterinnen ihren Beruf ergreifen, ohne vorher als Lehrmädchen gearbeitet zu haben, der Durchschnitt der Arbeiterinnen ihr Erwerbsleben im viel späteren Alter als die Lehrmädchen beginnen und daher auch mehr Zeit gehabt haben, sich ihre Bildung anzueignen. Zweitens aber kommt hier noch ein weiterer Umstand in Betracht; die Tatsache nämlich, daß viele Arbeiterinnen ihre Bildung erst nach ihrem Eintritt in das Beruf sieben sich erwerben. Denn der Eintritt in das Berufsleben ist heute eines der bedeutendsten Momente in der Entwicklung der jüdischen Frau. Er gibt ihr allein das Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein, — die persönliche und pekuniäre Unabhängigkeit, — und was noch wichtiger ist, das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einem sozialen Ganzen. Die pekuniäre Unabhängigkeit gibt oft erst der Arbeiterin die Möglichkeit, aus ihrem Lohn die Kosten ihrer Bildung zu bezahlen, die ihre Eltern ihr nicht zu geben vermochten, und wir finden heute noch überall im Ansiedlungsrayon den sog. „Schreiber", diesen typischen Lehrer der jüdischen Frau, der seinen Schülerinnen sowohl das Lesen als auch das Schreiben, Russisch, Hebräisch, Jüdisch, und auch die schöne Handschrift und die epistolarische Kunst beibringt und mit mehr oder weniger Erfolg seine Funktion des Kulturträgers unter der weiblichen Masse ausübt. Das Entscheidende aber ist, daß die Zugehörigkeit zum Arbeiterstand in der jüdischen Frau neue Interessen, neue Gesichtspunkte, neue soziale Bestrebungen schafft, sie eines regen, kollektiven Lebens teilhaftig macht und neue Kulturbedürfnisse und einen stärkeren Bildungsdrang erweckt. Und je höher die Kultur, je lebhafter die Bestrebungen der sie umgebenden Arbeiterbevölkerung sind, desto mehr weicht das Massenanalphabetentum der jüdischen Frauen zurück: in Berditscheff steigt die Zahl der Analphabetinnen auf 54,4%, in Wilna fällt sie auf 20%. Daß das Bildungsniveau der jüdischen Arbeiterin eben durch diese Einwirkung des sozialen Milieus, durch dieses Bedürfnis nach der kulturellen Gemeinschaft mit den breiten jüdischen Massen bestimmt wird, ist am besten daraus zu ersehen, daß nicht nur die russische, sondern auch die jüdische Bildung der erwachsenen Arbeiterin viel höher als bei den weiblichen Lehrlingen ist. 22,4% Arbeiterinnen und nur 15,2% Lehrmädchen hatten nur jüdisch gelernt; aber auch diejenigen, die russisch lesen und schreiben konnten, konnten es fast immer auch jüdisch. Die Zahl der Arbeiterinnen, die nur russisch gelernt hatten, jüdisch aber weder schreiben noch lesen konnten, ist