Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 9 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Article
- Zur Bildungsstatistik der jüdischen Arbeiter in Rußland
- Date
- 1913-11-01
- Page
- Seite 157 (sequence 5)
- Language
- German
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- 157 bei unserer Aufklärungstätigkeit ins Auge gefaßt werden. Durch die Einführung eines rationellen Jargonunterrichtes in unseren Samstag- und Abendschulen würde man den halbanalphabetischen Absolventen des Cheders, die immerhin doch die hebräische Schrift beherrschen, ohne besondere Mühe das Buch, die Zeitung, das lebendige Wort ihrer Muttersprache in die Hand geben und dem Streben unserer Arbeiter entgegenkommen, die mit Aufwand aller Mühe die einseitige, mangelhafte VorbildungdesCheders den Zwecken ihrer weiteren Kulturbedürfnisse dienstbar zu machen suchen. Ebenso sollte bei der heute so sehr erstrebten Reform des Cheders vor allem die Forderung ge- | stellt werden, daß der Cheder, indem er; seinen Zöglingen das Lesen beibringt, sie! mindestens auch lehre, das Lesen zu be-; herrschen, welches sie für ihre täglichen Kultur- \ zwecke gebrauchen, das Buch, die Schrift ihrer Muttersprache zu verstehen. Es sei noch erwähnt, daß die Stadt \ Busin von allen befragten Orten hinsichtlich des Bildungsniveaus der Lehrlinge eine Ausnahme bildet, denn hier steht die Bildung i der Lehrlinge auf einer viel niedrigeren | Stufe als die der Gesellen. Wir finden da i nur 5,7,J/o Lehrlinge, die sowohl russisch als | auch jüdisch lesen und schreiben konnten, j während 48,6% nur jüdisch, und zwar nur j lesen konnten; daneben gab es selbst unter I den männlichen Lehrlingen 5,4 % vollstän- \ dige Analphabeten. Dies wird durch die! besonderen Bedingungen des gewerblichen j Lebens Busins verursacht. Die jüdische Bevölkerung Busins lebt nämlich fast aus-; schließlich von der Schneiderindustrie; es j bildet das Zentrum des Schneidergewerbes; tür einen großen Umkreis und zieht die j Bevölkerung aus anderen Städten an sich, i Die meisten Schneiderlehrlinge in Busin ge-; hören nicht der einheimischen Bevölkerung j an, — die Einheimischen lernen das Handwerk direkt von ihren Eltern oder Verwandten, — sondern sie werden von ihren Eltern aus anderen Städten schon in sehr frühem Alter nach Busin gebracht, um im Hause eines dortigen Meisters das Schneiderhandwerk zu erlernen. Die meisten verließen ihr Elternhaus so früh, daß es kaum möglich war, für ihre Bildung zu sorgen, und noch weniger Bildungsgelegenheiten konnten sie in der Fremde haben, im Hause des Meisters, von dem sie vollständig abhängig sind und wo sie keinen um sich haben, der ihnen bei ihren Bildungsbestrebungen mit Rat und Tat bei Seite stehen könnte. Heute haben wir im Ansiedlungsrayon viele ähnliche Orte, Städte,") in welchen fast die gesamte jüdische Bevölkerung von einem Industriezweige lebt und die als Lehrstätte für die ganze Umgebung benutzt werden; da werden wohl die Bildungsverhältnisse der Lehrlinge überall die gleichen sein, und auf diese Städte müßte daher eine besondere Aufmerksamkeit unserer Aufklärungstätigkeit gerichtet werden. Wenden wir uns nun den Bildungsverhältnissen unserer Arbeiterinnen zu, so fällt uns vor allem die ungeheuere Zahl der vollständigen Analphabetinnen auf. Sie bilden 27,4% aller befragten Arbeiterinnen, während es unter den männlichen Arbeitern, wie wir eben gesehen haben, i ur 1,7° o Analphabeten gab. Noch höher ist die Zahl der Analphabetinnen bei den weiblichen Lehrlingen: hier erreicht sie die erschreckende Zahl von 52,8%. Mehr als die Hälfte der weiblichen Lehrlinge konnte also weder russisch noch jüdisch lesen und schreiben. Sowohl russisch als auch jüdisch lesen und schreiben konnten nur 27,2% weibliche S. Dr. Salomon Margolin: Die Borstenindustrie in Meziretschje, Das Schneidergewerbe in Busin u. and. „Nowij Wosschod 1913".