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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1913-11-01 · Heft 11 (November 1913) · p. Seite 156

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
9 (1913)
Issue
Heft 11 (November 1913)
Article
Zur Bildungsstatistik der jüdischen Arbeiter in Rußland
Date
1913-11-01
Page
Seite 156 (sequence 4)
Language
German
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— 156 - dische Leben am regsten ist und die soziale und geistige Entwicklung der jüdischen Arbeiterbevölkerung am höchsten steht. Hier tritt auch die kulturelle Überlegenheit der littauischen gegenüber den polnischen und südlichen chassidischen Juden zutage. Dies läßt sich noch deutlicher durch folgende Zahlen beweisen. In Wilna bildete . die Zahl der Arbeiter in der höchsten Bildungsgruppe, — solche, die sowohl russisch als auch jüdisch lesen und schrieben, — 53,8% gegen 37,9% in Warschau, 33,0%. in Berditscheff und selbst 23,2% in Busin. Die Zahl der Arbeiter, die jüdisch nur lesen, nicht aber schreiben konnten, war in Wilna viel geringer, als in den anderen befragten Städten: Sie bildete da 14,8% gegen 19,9%. solcher, die nur jüdisch, aber auch schreiben konnten; dagegen war dieses Verhältnis in Warschau 29,2 gegen 17,9%, in Busin 45,4 gegen 27,2°/«., in Berditscheff aber 45,4 g e ge n nur 10,7%. Der Rückstand der chassidischen Bevölkerung äußert sich also selbst in einem so bedeutenden geistigen Zentrum wie Warschau, geschweige denn Busin und Berditscheff, wo mehr als die Hälfte der Arbeiterbevölkerung nicht einmal jüdisch schreiben kann und auch bei diesen das Lesenkönnen eigentlich nur illusorisch ist. Hier tritt uns schon fast das gänzliche Analphabetentum entgegen. Übrigens muß auch darauf hingewiesen werden, daß die Lockerung der Traditionen im littauischen Judentum auf der anderen Seite in einer etwas höheren Anzahl der vrunden Analphabetena, d. h. solcher, die nicht einmal den Cheder besucht hatten und nicht einmal Gebete zu lesen verstehen, zum Ausdruck kommt. Die Zahl dieser Analphabeten betrug in Wilna 2,8% während sie in Warschau nur 0,9% bildeten, in Berditscheff aber gar kein einziger männlicher Arbeiter verzeichnet war, der die Gebete nicht zu lesen verstand. Nur in Busin war die Zahl der vollständigen Analphabeten etwas höher als in Wilna (3,1%). ' Vergleichen wir nun das Bildungsniveau der männlichen Arbeiter mit dem Bildungsstand der männlichen Lehrlinge, so sehen wir, daß die Bildungsverhältnisse der Lehrlinge im ganzen günstiger als die der Arbeiter sind. Die Zahl der Lehrlinge, die sowohl russisch als auch jüdisch lesen und schreiben konnten, betrug 48,2%> gegen 42,9% der erwachsenen Arbeiter. Dies bedeutet einen entschiedenen Fortschritt und läßt uns darauf schließen, daß die Kinder der jüdischen Masse heute öfter eine geregelte Schulbildung bekommen als früher. Andererseits steht hier aber auch die eigentliche jüdische Bildung gegen die der Arbeiter etwas zurück. Dies äußert sich erstens darin, daß wir hier öfter solche finden, die hauptsächlich russisch gelernt hatten, jüdisch aber entweder gar nicht verstehen oder nur lesen können (3,8 gegen 1,7%); zweitens aber auch in der höheren Anzahl der vollständigen Analphabeten (2,6 gegen 1,7%). Wenn hier also eine geringe Abnahme des Chederbesuchs zu verzeichnen ist, so gab es doch — wie der Verfasser der Enquete vielfach beobachtet hatte, — unter denjenigen Lehrlingen, die nur jüdisch und zwar nur jüdisch lesen konnten, eine viel größere Anzahl solcher, deren Kenntnisse sich bezeichnenderwerse nur auf das Lesen der Gebete beschränkten. Dies zeigt uns noch einmal, daß die Chederbildung an und für sich noch nicht genügt, um auch nur das Lesen in der jüdischen Sprache beizubringen, und erst im späteren Alter, wenn bei den Arbeitern neue geistige und soziale Interessen entstehen, gelingt es ihnen, ihre Chederbildung zu vervollkommnen. Dieses äußerst charakteristische Moment unserer Volksbildung müßte vor allen Dingen

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