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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1913-11-01 · Heft 11 (November 1913) · p. Seite 155

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
9 (1913)
Issue
Heft 11 (November 1913)
Article
Zur Bildungsstatistik der jüdischen Arbeiter in Rußland
Date
1913-11-01
Page
Seite 155 (sequence 3)
Language
German
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- 155 — segensreich die jüdische Tradition bis heute \ noch wirkt, die einem jeden männlichen \ Juden ein bestimmtes Büdungsminirnum zuj sicherte und vorschrieb. Aber im weiteren I sehen wir auch, wie unzureichend dieses j traditionelle Büdungsminirnum ist. Denn j die traditionelle jüdische Schule — der! Cheder — hat eben ihr eigenes Ziel — j die Weitergabe der Tradition und den reli- I olösen Unterricht, - sie läßt aber alle j ö | sonstigen Bedürfnisse unseres kulturellen Lebens außer acht und stattet ihre Zöglinge nicht mit jenen geistigen Gütern aus, die unmittelbar im praktischen Leben verwertet werden können. Daher vor allem die enorm hohe Zahl solcher, die zwar jüdisch lesen, nicht aber schreiben können, denn zum Lesen der Gebete und der Thora j ist das Schreiben nicht erforderlich, und so j wird auch im Cheder das Schreiben nicht j gelehrt. Unter den 47,1% Arbeitern, die j nur jüdisch gelernt hatten, konnte die | weitaus geringste Hälfte auch schreiben; \ 19,4 % aller Arbeiter hatten zwar nur jüdisch,! aber sowohl das Lesen als auch das Schreiben ' gelernt, während 27,5 % jüdisch nur lesen, nicht aber schreiben konnten. Aber die Lücken der Chederbildung greifen noch weiter. Denn auch das eigentliche Lesen, das im Cheder beigebracht wird, reicht für den weiteren Kulturgebrauch nicht aus. Der Cheder bringt zwar das Lesen der Gebete und der Bibel bei, nicht aber das der Umgangssprache, des Jargon, das der Arbeiter allein versteht und für den Austausch seiner Gedanken gebraucht. Und wenn ein Absolvent des Cheders oft nach jahrelangem Lernen ins Leben tritt, so kann er nicht einmal die ihm im Cheder beigej brachte Lesekunst hantieren; das Buch, die j Zeitung seiner eigenen Muttersprache, alles,! was aus der Lesekunst einen aktuellen Kulturwert, ein lebendiges geisiiges Gut macht, bleibt ihm verschlossen, und die Lesekunst ist an eine bestimmte vorgeschriebene religiöse Funktion gebunden. Wenn wir annehmen dürfen, daß die 19,4% Arbeiter, die neben dem jüdischen Lesen auch das jüdische Schreiben erlernt hatten, daß diese also die Schranken des Cheders überholt hatten und auch richtig, vor allem in ihrer Muttersprache zu lesen verstanden, so läßt sich bei den anderen 27,5% Arbeitern, die jüdisch nur lesen konnten und hiermit im Chederprogramm stecken geblieben waren, das Verständnis des richtigen Lesens, also des Lesens im Jargon, anzuzweifeln. Diese Arbeiter, deren ganze Bildung sich nur auf das hebräische Lesen beschränkt hatte, erscheinen demnach als das typischste Erzeugnis unserer Chederbildung und tragen alle guten wie schlechten Folgen derselben nach. Einerseits bilden sie ein Bollwerk gegen das vollständige Analphabetentum, andererseits treten sie dicht an die Grenze desselben heran; auf der einen Seite hat ihnen der Cheder nicht einmal das äußerste Minimum des täglichen Kulturgebrauchs, das Lesen der Muttersprache, beigebracht; andererseits haben sie doch das Geheimnis des gedruckten Wortes erfahren, und wenigstens der Weg zum Buche steht ihnen offen. Je mehr Kultur ein gegebenes Arbeitermilieu besitzt, je reger seine Interessen, je intensiver seine Teilnahme am sozialen Leben ist, desto besser verstehen die Arbeiter, dieses mangelhafte und einseitige Bildungsmaterial des Cheders für ihre weitere geistige Entwicklung auszubauen. Von den Arbeitern, die jüdisch nur lesen konnten, gaben mehrere an, daß sie nichts als Gebete zu lesen verstehen, und es bildete die Zahl dieser 79% in Busin, 73,2% in Berditscheff, schon nur 19,5% in der Großstadt Warschau und nur 8,3%) in Wilna, wo bekannterweise das jü-

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