Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 9 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Article
- Die Sterblichkeit der Juden in früheren Jahrhunderten
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 128 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2650397-3187730-3187738-3193241--4004-3193262- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 128 — hatten die Frankfurter Juden zum ersten; Mal das Getto im Jahre 1796 bei der Be- I schießung und Einäscherung der Judengasse j durch die Franzosen verlassen und hatten j sich unter den Christen angesiedelt, und j sie konnten auch nach dem Wiederaufbau j der Judengasse nicht mehr gezwungen werden, trotz aller Bemühungen des Rates, wieder dahin zu ziehen. Wenn also die j Juden 1817/18 eine Sterblichkeit aufj wiesen, die niedriger war wie die der j Christen, so war dies der Fall nicht, trotzj dem sie im Getto wohnten, sondern weil j sie z. T. das Getto verlassen hatten und! Kracauer sagt sehr richtig: „Man sieht dem-! nach, welchen schädlichen Einfluß das Getto j auf die Gesundheit gehabt hat. Von dem Zeitpunkt an, wo sie dieses verlassen, ging die Sterblichkeit unter den Juden immer mehr zurück." Und Horovitz erklärt das Sinken der Sterblichkeit am Ausgang des Jahrhunderts daraus, daß die Lebensbedingungen schon etwas besser, die Zustände gesünder, die Verhältnisse friedlicher wurden. „Die Judengasse war nicht mehr die einzige Stätte, wo die Juden wohnen durften und wir erkennen den greifbaren Unterschied". Was die Kindersterblichkeit bei den Frankfurter Juden anlangt, so behauptet Theilhaber von mir, ich finde eine auffallend niedere Kindersterblichkeit und dies auch zu einer Zeit (1620—40) wo die allgemeine Sterblichkeit nach meinen Ziffern eine ganz unglaubliche Höhe erreicht hat. Diese Behauptung ist völlig aus der Luft gegriffen; mit keinem Worte habe ich gesagt, daß die Kindersterblichkeir der Juden auffallend niedrig war, wie konnte ich dies auch! Ich führte die Relativziffern an, die von 1624—1800 zwischen 54 und 32 unter 100 Gestorbenen schwankt; nur 1631—1640, nicht 1620—1640, wie Theilhaber angibt, betrug die Ziffer 24. Daß sie gerade im Durchschnitt der Jahre 1631 1640 relativ niedrig war, dürfte doch daraus leicht zu erklären sein, daß eben die Kinder vorher schon zum großen Teil weggestorben waren. Als Gewährsmann nenne ich wiederum Horovitz, der wörtlich sagt: „Freilich zeigt sich in den traurigen Zahlen jener Zeit der düstere Schatten des dreißigjährigen Krieges, aus dessen Verlauf wir nur noch das Schauerjahr 1636 nennen wollen, das die erschreckende Zahl von 223 Toten hat, und zwar 70 männliche, 40 weibliche und 113 Kinderleichen. Man muß sich fast wundern, daß in dem darauffolgenden Jahr noch 44 Kinder zum Sterben kamen". Ich habe nirgends behauptet, daß die Kindersterblichkeit bei den Juden geringer war, ich habe nur betont und dies hat Theilhaber augenscheinlich verwechselt, daß sie im Vergleich mit der Sterblichkeit der Christenkinder niedriger war wie diese, was zweifellos auf die bessere Pflege der Kinder bei den Juden zurückzuführen ist. Die Bemerkung Theilhabers, daß gegen die angebliche niedrige Kindersterblichkeit, die niedere Geburtenziffer kontrastiere, ist unverständlich, da uns ja die Geburtsziffern der Frankfurter Juden aus dem 17. und 18. Jahrhundert garnicht bekannt sind. Zuletzt spielt Theilhaber noch einen Haupttrumpf gegen mich aus, er denunziert meine Arbeitsmethode und stellt meine Arbeiten als wertlos hin, indem er mir vorwirft, daß ich wohl Zahlen der Kindersterblichkeit nicht aber die Definition des Begriffes „Kindersterblichkeit" gebe,d. h. welche Jahre als Kinderjahre gerechnet werden. Nur ein Narr gibt mehr als er kann. Mein Gewährsmann Horovitz und dessen Quellen, das Verzeichnis des Beerdigungsvereines, hat eben darüber keine näheren Angaben gemacht, es scheidet die Verstorbenen eben nur in Männer, Frauen und Kinder, es Jedem