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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1913-06-01 · Heft 6 (Juni 1913) · p. Seite 85

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
9 (1913)
Issue
Heft 6 (Juni 1913)
Article
Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Kurhessen
Date
1913-06-01
Page
Seite 85 (sequence 5)
Language
German
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— 85 - Güter konfisziert wurden. (Judenordnung; von 1679). j Die Schulden und Lasten ihrer Glaubensj gemeinde, wie die regelmäßige Schätzung, j und bei gewissen religiösen Handlungen zu j leistende Abgaben, so z. B. die Talmudj Thora-, Jerusalemgelder, ferner verschiedene j andere Abgaben, u. a. Neujahrsgelder und j Rinderzungenabgaben, hatte die Judenschaft j allein zu tragen. Ohne Tatsachen in ein besseres Licht; stellen zu wollen, kann man behaupten. \ daß die Lebensbedingungen keineswegs | in Kurhessen schlechter als in anderen \ Teilen Deutschlands waren. Vieles stand j hier zu Lande auch nur auf dem Papier. I Es läßt sich aus unzähligen Fällen beweisen, j daß sowohl die Landgrafen als auch die! ihre Befehle ausführenden Behörden stets! Gnade vor Recht walten ließen und alle j Härten zu mildern suchten, wozu nicht wenig! die Fürsprachen der „Schtadlonim" Gold- | schmidt, Feidel, Büding u. A. in hohem j Maße beitrugen; deshalb haben die Israeliten Kurhessens auch in ihrem Heimatlande so festen Boden gefaßt, und manche Eigenart läßt sich nur aus der sie umgebenden Bevölkerung erklären, wie auch der Viehhandel auf eine seit Jahrhunderten erlaubte Tätigkeit zurückzuführen ist. Die erste Judenliste rührt vom Jahre 1646 her. Sie weist uns 42 Ortschaften mit 143 Familienhäuptern auf. Die mitgeteilte Liste ist zu einer Zeit festgestellt, als Feinde die Israeliten von allen Seiten bedrängten. Der 30jährige Krieg bedrohte ihr Leben und raubte ihnen Hab und Gut, so sehr auch der Landgraf Moritz und der jüdische Vorsteher Benedikt Goldschmidt für Schutz sorgten. Amalia Elisabeth, die nach ihrem starken Vorgänger die Regierung übernahm, suchte die Juden ihres so schwer heimgesuchten Landes noch mehr zu bedrücken: sie wollte aus ihnen Christen machen. Zwangsweises Anhören von Bekehrungspredigten und der von Sebastian Curtius herausgegebene Katechismus sollten jenen Zweck fördern. Daher ist anzunehmen, daß ein Teil der Israeliten abwanderte, denn die Liste von 1664 weist nur 136 Familien auf, die sich auf 55 Ortschaften verteilten. Aus der Regierungszeit des Landgrafen Carl besitzen wir Aufzeichnungen der jüdischen Steuerzahler aus den Jahren 1700, 1720 und 1726, die eine bedeutende Bevölkerungszunahme in Stadt und Land aufweisen. Es ist dies leicht zu erklären. Wie der genannte Fürst durch die Aufnahme der Hugenotten seinem Lande viele Bewohner zuführte, die den Wohlstand förderten, so ließ er auch den Israeliten mannigfache Erleichterungen, besonders bei der Schutzerteilung, zukommen; so siedelten sich in allen Landesteilen Israeliten an, und Handel und Gewerbe blühten. Im Jahre 1700 waren es 203 Familien in 95 Ortschaften, 1718/20 576 Familen in 148 Ortschaften und 1726 endlich 456 Familien in 149 Ortschaften. Die Vermehrung der jüdischen Bevölkerung fanden die Landstände allzugroß und sie beschwerten sich darüber beim Landgrafen. In dem Landtagsabschiede und der Judenordnung von 1739 wurde nun festgesetzt: „In eine Stadt, Flecken oder Dorf, wo vorher keine Juden gewohnt oder die Aufnahme derselben von altersher nicht gewöhnlich gewesen, sollten auch keine aufgenommen werden." Nun hatten sich im Lande eine Anzahl Juden niedergelassen, deren Schutzbriefe die Regierung bis zum Jahre 1744 genau prüfte; wer nicht die erforderlichen Fähigkeiten besaß, sollte das Land verlassen. 335 Familien waren ohne Schutz — 26 im Bezirk des Diemel, 97 im

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