Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 9 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Auswanderers
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 79 (sequence 5)
- Language
- German
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Zwischenhandel irgendeine Rolle spielt, wo : geistige Gewandtheit die körperliche Arbeit j teilweise ersetzen kann, und wo die Maschine, j das disziplierendste Element in der Qroßj Industrie, seine Herrschaft noch nicht geltend i gemacht hat. Die Hausindustrie eignet sich i für die jüdischen Emigranten am besten. In j London entstanden, floriert sie auch in; Amerika, Kanada, Argentinien und im j russischen Ansiedlungsrayon. Die Klein- > Industrie vereinigt in sich die Schattenseiten I des Handwerks und des Kaohalismus. Gleich; x X. dem Handwerk wird sie in kleinen Werkstät:en! betrieben, welche sich zu Tausenden in den Großstädten finden. Die Leute, die in den . oft dunklen miserablen Werkstätten beschäftigt; sind, haben es meistenteils mit einem Arbeitgeber zu tun, der oft nicht mehr sein eigen; nennt, als die von ihm ausgebeuteten Arbeitj nehmer. Von planmäßigem systematischem! Klassenkampf oder Klassenbewußtsein kann; hier nicht die Rede sein. Andererseits hat 1 diese Hausindustrie mit dem Kapitalismus j das gemeinsam, daß sie für den Markt arbeitet und vom Markt abhängt. Jede Krise versetzt dieser Industrie einen harten Schlag, so daß ihre Position ewig schwankend ist. Die Arbeitsteilung wird aufs Ausserste getrieben und verwandelt den Arbeiter in eine Marionette, welche gewisse Bewegungen ausführt, ohne irgend welche Beziehung zur Sache zu haben. Die Hausindustrie erstreckt sich auch auf Frauen- und Kinderarbeit. Mit einem Worte, wir finden hier alle Nachteile der kapitalistischen Unternehmungen wie in j einem Brennpunkt zusammengefaßt. | Diese Industrie zieht fast alle jüdischen \ Emigranten in ihren Bannkreis, denn sie j widerspricht nicht ihrer Psyche und begnügt | sich mit ihren physischen Kräften. Die Unterj nehmungslustigeren und Energischen nehmen i die Rolle der Organisatoren auf sich. Sie! eröffnen eine Werkstatt; dazu bedarf es keiner j großen Mittel, da die eigene Wohnung in eine Werkstatt verwandelt werden kann. Das Material bekommt man vom Kaufmann, das Handwerkzeug ist höchst einfach und erfordert keine besonderen Ausgaben. So kommt es, daß bei genügender Energie und Gewandtheit ein Emigrant auch mit dem kleinsten Kapital bald zu einem selbständigen Geschäft" kommt. Aber in der Wirklichkeit ist er nur der Zwischenhändler und der Vermittler zwischen Magazin und Arbeiter. Man stelle sich folgendes Bild vor: Ein Jude kommt aus Rußland. Dort hat er Petroleum ausgetragen, einen kleinen Krämerladen gehalten, im Cheder unterrichtet oder ist Kantor, Heiratsvermittler, Zwischenhändler, Hausierer gewesen. In Amerika erfährt er dann, man müsse nur erlernen Knöpfe anzunähen. Ärmel zu befestigen, Westen zu bügeln und dergleichen Fertigkeiten, um ein >,Handwerker'1 zu werden und für sich und seine Familie den Unterhalt zu verdienen. Es ist begreiflich, daß der Emigrant, der keine technischen Fertigkeiten besitzt, der nicht zu arbeiten versteh!, und der schwere Arbeit nicht leisten kann, mit Freuden das Angebot annimmt und in die schmutzigste, dumpfeste Werkstatt geht, wo er bisweilen einen Arbeitstag von 18-20 Stunden hat. Die anderen Arbeitsinöglichkeiten, wie Landbau, Maschinenarbeit, Bergbau sind ihm nicht zugänglich. Denn der Übergang von seiner gewöhnlichen Beschäftigung zum Annähen von Knöpfen und dergl. ist viel leichter, als der Übergang zum Pduge, Webstuhl oder zur Maschine. Und in seinen geheimsten Gedanken hat er noch die Hoffnung, dereinst ein „selbständiger Unternehmer" zu werden, der im Grunde genommen doch nichts anderes ist als ein Makler, der zwischen Werkstatt und Laden hin und her läuft. Begreiflicherweise ist auch der Übergang vom Handel zur Hausindustrie eine große