Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 9 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Auswanderers
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 78 (sequence 4)
- Language
- German
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Das ganze Sinnen und Trachten eines emi-; grierenden Bauern ist auf Landbesitz ge-; richtet, und die Mütter Erde ist es, die er in i allen Weltteilen sucht und findet. Ein solcher; Emigrant wird, wenn die Gelegenheit günstig j ist, immer ein Kolonist. Und wenn ein j solcher Emigrant gezwungen ist, in der Stadt zu : bleiben, so hat er in der ersten Zeit die ■ schwerste Arbeit und den geringsten Lohn. Er ist oft noch der Sohn oder Enkel eines Leibeigenen und in der Heimat mehr Knecht als Grundbesitzer gewesen, und wenn er in : die Fabrik kommt und die niedrigsten Arj heilen verrichten muß, so gewöhnt er sich j bald an die neue Knechtschaft Nach : einiger Zeit wird er selbstverständlich die | Ketten der neuen Sklaverei sehr schwer! empfinden; wir sagen daher nicht, daß ' der eingewanderte Bauer der ewig ge-! duldige, Alles ertragende Proletarier sein! wird. Wir wollten nur den Übergang vom j Landmann zum Fabrikarbeiter etwas näher j betrachten. Dieser Prozeß ist oft hart, aber I nicht krankhaft und nicht von einer tkien j psychischen Umwälzung begleitet, welche notwendig eintritt wenn zwei entgegengesetzte Erscheinungen wie produktive Arbeit und Zwischenhandel aufeinanderstoßen. Wir wollen hier noch hinzulügen, daß wir nicht das Stadtleben in seinem ganzen Umfange nehmen und es dem eintönigen Landleben entgegenstellen, sondern wir entnehmen diesen komplizierten Daseinsformen nur ein Moment, das Moment der produktiven Arbeit. Ein Städter, der schwere und niedrige Arbeiten verrichten muß, unterscheidet sich keineswegs vom Bauernknecht. Wir wollen hier den Prozeß nicht weher verfolgen, wie der Bauer allmählich zu höheren Arbeitsformen emporsteigt und seinen Platz den neuangekommenen Emigranten überläßt. Es war uns hier nur darum zu tun, den Beweis zu liefern, daß emigrierende Bauern ihrem psychischen Zuj stände, ihren Gewohnheiten und sozialen Bedürfnissen gemäß in ein Milieu hinein zukommen suchen, in welchem sie ihre Arbeitskraft betätigen können; denn eben diese Arbeitskraft ist es, die sie in der Stadt feilbieten können. III. Ganz anders gestaltet sich die Lage des jüdischen Krämers, Zwischenhändlers und „Lultmenschen", weiche das Gros der jüdischen Emigranten bilden. Seit Jahrtausenden aus dem Ackerbau verdrängt, werden die jüdischen Händler und Hausierer natürlich nicht Betätigung auf diesem Gebiete suchen. Diese Elemente sind es gewohnt, sich mehr auf geistige Gewandtheit als auf die Kraft ihrer Muskeln zu stützen. Und wenn sie in ein Land kommen, wo sie ihre Erfahrung und Gewandtheit nicht verwerten können, so stehen sie rat- und hilflos da. Es wird ihnen klar, daß nicht ihre persönliche Tauglichkeit oder Untauglichkeii Schuld daran ist, daß sie sich in den neuen Verhältnissen nicht behaupten können. Der Grund liegt eben in der natürlichen Entwicklung des Lebens, an die sie sich nicht anpassen können. Die neue Umgebung, das fremde Milieu stellen an sie Anforderungen, die zu erfüllen sie nicht imstande sind. Vor allen Dingen wird von Neuangekommenen produktive Arbeit verlangt, und diese eben ist es, die der jüdische Auswanderer nicht leisten kann. Zur feinqualitizierten Arbeit ist er nicht erzogen, grobe körperliche Arbeit zu verrichten ist er nicht fähig, Disziplin kennt er nicht und an die abhängige ott erniedrigende Stellung des Arbeiters kann er sich nur schwer gewöhnen; auf diese Weise ist er genötigt, dort Unterkunft zu suchen, wro zwischen Gewerbe und Handel ein Kompromiß besfeht. Er wird seine ganze Geschicklichkeit anwenden, um sich solche Erwerbszweige zu schaffen, wo der