Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 9 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Auswanderers
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 77 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Hauptkontingent der englischen Erni- : granten bestand bis zur Hälfte des neun- ' zehnten Jahrhunderts einerseits aus verarmten Bauern, anderseits aus Proletariern, die infolge der Einführung von Maschinen aus der Manufaktur verdrängt wurden. Das waren Proletarier, welche unlängst dem Pfluge den Rücken gekehrt hatten. Viele von ihnen hatten mit dem Lande noch viele Beziehungen; die; meisten waren Bauern. Diese Proletarier in Verbindung mit den verarmten Bauern haben; eine wichtige [{oüe In der Bildung der anglosächsischen Kolonien gespielt. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sind aus England größtenteils Fabrikarbeiter ausgewandert, die in ihrer Heimat keine Arbeit mehr finden konnten; die i raschen Fortschritte der Technik und die sich j wiederholenden Krisen warfen in England; Viele über Bord. Aus Italien emigriert der arme Bauer, und nur aus Oberitalten wandert der Fabrik- : arbeuer aus. Aus welchen Schichten setzt \ sich die jüdische Emigration zusammen? Aus 1 jüdischen Krämern, die die nichtjüdische Konkurrenz oder der Großhandel erdrückt! hat, aus arbeitslosen Handwerkern, aus Ver- mittlem, welche ihre Existenzberechtigung im; modernen Handelsverkehr verloren haben : und endlich aus der spezifisch jüdischen Kate-; gorie der „Luftmenschen", welche sonst eine vollständig unbekannte Erscheinung sind. j Ein ausgelernter Arbeiter, welcher von Jugend an die Arbeit gekannt hat, wird, wenn er auch zeitweise ohne Beschäftigung; ist, sein ganzes Augenmerk darauf richten,; wieder Arbeit zu bekommen. Sein ganzes Sireben geht dahin, wieder das Gewerbe zu I ergreifen, welches er früher getrieben hat,; und wenn sein Suchen keinen Erfolg hat, so; ergreift er die Tätigkeit, welche seiner j Spezialität am nächsten ist. Häufig wird ein i arbeitsioserProIetarier gezwungen, die schwer- : sten und niedrigsten Arbeiten zu verrichten, wenn keine passendere zu finden ist. Seine Lage verschlimmert sich auf diese Weise beträchtlich. Er verdient jetzt weniger und arbeitet mehr. Er muö sich auch an die ungewohnte Arbeit anpassen, und der Prozeß der Anpassung wirkt nachteilig auf die psychischen und physischen Kräfte des Arbeiters. Ungeachtet des Obengesagten muß man doch konstatieren, das prinzipiell sich die Lage des Poletariers nicht geändert hat. Denn Arbeit mit allen ihren Begleiterscheinungen, wie Energieverbrauch, Disziplin. Abhängigkeit u. s. w. ist ihm nie etwas Fremdes und Aufgezwungenes. Es hat sich nur die Form der physischen Betätigung verändert, die Anstrengung ist gewachsen, die Disziplin ist eine and.re geworden, aber die physische Arbeit an und für sich ist ihm etwas Gewohntes und Vertrautes. Er ist immer ein Organisierter und nie eia Organisator gewesen, und die Abhängigkeit hat für ihn nichts Schreckliches. Der Übergang von einer Tätigkeit zur andern, sogar von der Fabrikarbeit zum Landbau ist oft schwer, aber braucht doch keine erschütternden Vorgänge in der Psyche des Proletariers hervorzurufen. Alle diese Umstände bewirken, daö der emigrierende Proletarier seine ganze Energie darauf verwenden muö, eine Arbeit zu finden, die ihm nahe liegt, und die ihm am besten von statten geht. Auch der Bauer, den der Mangel an Land aus der Heimat getrieben hat, sucht gleich dem Fabrikarbeiter die gewohnte Tätigkeit. Seine Lieblingsbeschäftigung wird immer die Landarbeit sein, er wird sich immer nach ihr sehnen, und nur sie allein wird ihm Befriedigung verschaffen. Wenn er in einem neuen Lande sein Fleckchen Erde hat, so wird ein Heimatsgefühl in ihm rege. Seine Lebensweise hat sich fast nicht verändert. Der argentinische Italiener unterscheidet sich nicht vom Italiener in Europa.