Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 9 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Article
- Zur Psychologie des jüdischen Auswanderers
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 76 (sequence 2)
- Language
- German
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76 eintönigen Karte der jüdischen Siedelungea ' einzelne leuchtende Punkte, das sind die \ Farmen in Nordamerika und die 10 oder I 20 Kolonien in Argentinien und Kanada. | Aber was bedeutet dieser kleine Prozentsatz j von Ackerbauern — 50-60 Tausend —, gegen- , über 2 Millionen eingewanderter Juden. I Die Parmer und Kolonisten Nordamerikas,; Argentiniens und Kanadas bilden 2%% ^'sr j Eingewanderten, die in diesen Staaten Unterj kunft gefunden haben. Größer als die Zahl! der Landarbeiter ist die Zahl derer, die in I den höhern Industriezweigen sich betätigen, I wo die Maschinen und das Kapital, den Be-; sitzer bereichernd, auch dem Arbeiter die j Möglichkeit geben, sich besser zu organi-; sieren und den Kampf für eine bessere Zu- ] kunft aufzunehmen. Aber dieser Umstand; ändert wenig aa dem Allgemeinbüd der iü- : dischen Ansiedlungen, und dieses Bild hat | leider nur eintönige und leblose Farben aufzuweisen. Der jüdische Emigrant verläßt den schreck- : liehen russischen „Ansitdlungsrayon", wo der i Bauer, der aus Mangel an Land zum Prolej tarier wird, fast der einzige Abnehmer der | jüdischen Industrieprodukte ist, und wo die! Großindustrie von fabelhaft billiger Arbeitskraft überschwemmt wird, und kommt in ein Land, wo große fruchtbare Landstrecken zu den günstigsten Bedingungen angeboten werden und wo die Großindustrie Millionen von j Arbeitern beschäftigt; aber ungeachtet der j gänzlich veränderten Verhältnisse ändert der j jüdische Emigrant seine Beschäftigung fast j nicht. Das jüdische Gewerbe wird in Werkj Stätten betrieben, und auch in den neuen j -'■! Ländern ist er keiner Organisation unterj worfeii; er erzielt den kleinsten Preis und j hat die längste Arbeitszeit | Ein ganz anderes Bild bieten die An-! Siedlungen der anderen Bevölkerungsgruppen. Abgesehen von den englischen Emigranten, die im letzten Jahrhundert die reichste und freieste Demokratie in Ken-Seeland geschaffen haben und die in den amerikanischen Städten eine priviligiene Stellung im Handel und Gewerbe einnehmen, und auch von den Deutschen, die von dem Glücke ganz besonders begünstigt sind, wollen wir auf die Italiener hinweisen, welche in Argentinien so große Ländereien besitzen, daß sie mit einigem Rechte diesem Teile des Landes den Namen Neuitalien beigelegt haben. Sie machen 40% der Gesamtbevölkerung und 50% der landwirtschaftlichen Bevölkerung aus und haben daher die argentinische Republik fast zu einer italienischen Kolonie gemacht. Sie siedeln sich in größerer Zahl an einem Orte an und lassen sich seltener nieder, wo andere Nationen schon Fuß gefaßt haben. Die italienische Sprache ist fast zur Landessprache geworden. Die Beamten mußten sich die italienische Sprache aneignen, und seit dem Jahre 1903 ist der Unterricht in der italienischen Sprache in den höheren Schulen obligatorisch. Den o großen Einfluß der Italiener hat das ganze ökonomische Leben zu fühlen. Der größte Teil der Grundstücke in den Städten gehört den Italienern. Der jüdische Arbeiter dagegen ist in den Werkstätten beschäftigt und ist oft seinem Arbeitgeber gegenüber vollständig wehrlos; die jüdischen Arbeiter sind in tausend kleinen armseligen Werkstätten, in Dachstuben und Kellerwohnungen verstreut, und von planmäßigem systematischem Klassenkampfe kann beinahe nicht die Rede sein. Warum ergreift der Jude gerade dieses Handwerk? Welche Seiten des häuslichen Gewerbes ziehen ihn an? IL Bevor wir zur Psychologie des jüdischen Auswanderers übergehen, wollen wir uns auch mit der Charakteristik der Emigration einiger anderer Völker befassen.