Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 9 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Article
- Ueber die Selbstverstümmelung der jüdischen Rekruten Russlands
- Date
- 1913-03-01
- Page
- Seite 42 (sequence 3)
- Language
- German
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— 42 — Krankheitsbilder (ich erinnere nur an S a c h s' familiäre amaurotische Idiotie, eine i Kombination von Blödsinn und Blindheit); beobachtet worden. Die Kenntnis dieser I Tatsachen muss auf die Kreise der Bej troffenen den stärksten Druck ausüben, j Können sich solche Menschen auf den j Dienst für ihr „Vaterland" freuen und stolz! auf ihn sein, wie dies nach Dannehl heute noch beim grösseren Teile de'ö deutschen Volkes der Fall ist? Wie weit gleiche politische Anschauung! (antimilitaristische Ideen) und die „psyj chische Infektion" ursächlich für die Hau- \ figkeit der Selbsverstümmelung in Be-! tracht kommen, lässt sich schwer beuri teilen. In Revolutions-, Kriegs- und Verfolgungszeiten — und das alles lag ja oder liegt teils noch vor — handelt es sich mehr als sonst um Massenerscheinungen. Andererseits ist bemerkenswert, dass bei den aus den verschiedenen Garnisonen resp. Lazaretten veröffentlichten Selbstbeschädigungen nur eine und genau die I gleiche Art in allen oder der überwiegenden Zahl der an dieser Stelle beobachteten Fälle vorkommt. Daraus scheint hervorzu- ' gehen, dass gemeinsames Handeln nicht! vorliegt, denn die Ueberlegung müsste j diesen Leuten sagen, dass Gleichartigkeit j ihrer Gebrechen viel leichter zur Entj deckung des Betrugs führen muss. Vielj mehr ist anzunehmen, dass die in einer Gej gend und für den gleichen Truppenteil ausj gehobenen Leute ohne gegenseitiges Wissen j in die Kur desselben Helfershelfers gerieten j und sich zum eignen Schreck bei der mili- I .! tärärztlichen Untersuchung alle mit dem! gleichen Leiden behaftet zusammenfanden. j Die von Dannehl für die deutschen j Selbstverstümmler gesonderten Typen finj den sich, wie sich aus dem vorhergeganj genen ergibt, auch anderweitig. Auch für die relativ zahlreichen Simulanten der Ehrenlegion kommen teilweise ähnliche Verhältnisse in Betracht. Während in Deutschland Abhacken eines oder mehrerer Fingerglieder das bei weitem am häufigsten angewandte Mittel zur Selbstverstümmelung darstellt, besteht darin bei den russisch-jüdischen Rekruten grössere Mannigfaltigkeit. Wie bemerkt, hat sich ein eignes Gewerbe dafür aufgetan, das mit vielen Kunstmitteln arbeitet. Einige seiner Leistungen begegnen lebhaftem Interesse. So bildet die Frage der zuerst von 0 r 1 o w beschriebenen künstlichen Leistenbrüche den Gegenstand einer lebhaften wissenschaftlichen Fehde. Diese wurden klinisch und anatomisch folgendermassen charakterisiert: 3) 1. Das ganze Bild ist atypisch. 2. In der Umgebung bestehen Narben und Verwachsungen, von alten Blutungen herrührend, die auf die künstliche Entstehung hinweisen. Dazu treten noch zahlreiche vom Operateur festzustellende anatomische Einzelheiten, die für den medizinischen Laien kein Interesse bieten. So wurden eine ausserordentliche grosse Zahl von Hermen als Artefakte angesehen. Erst in letzter Zeit machten Wosskressensky *) und Glückmann5) darauf aufmerksam, dass man in der angegebenen Betrachtungsweise viel zu weit gegangen sei. Wosskressensky fand bei 50,6 Prozent der jüdischen Rekruten in Kiew weite Leistenringe ohne Beschädigungen und zeigte, dass verdickte und verwach- 3) Zuletzt von D i e t z: Wojenno Med. Journal 1907, Heft 12. 4) ebenda 1909, Heft 11. 5) ebenda 1912, Heft 5.