Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 8 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Die Entwickelung der Juden in Preussen während der letzten hundert Jahre
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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— 85 — oben ausgeführt, zur Volkszählung von 1895 den Geburtenüberschuss der 5 Jahre 1896—1900 in der Höhe von 11 800 hinzu» addiert, und das Resultat mit dem Ergebnis der Volkszählung von 1900 vergleicht, so sieht man, dass der Soll bestand im Jahre; 1900 hinter dem Istbestand nur um 819 zurückgeblieben ist. Das wäre in der Tat I keine nennenswerte Einwanderung, wenn man bedenkt, dass im Jahre 1900 die jüdische Bevölkerung schon mehr als 390 000 betrug. Nimmt man nun gar, wie Ruppin es getan hat, die Höhe der Austritte für ganz Preussen im Jahrfünft 1895 1900 mit 2500 an, so würden auch nur 3300 Einwanderer zu zählen sein. Auch diese Zahl ist nicht imstande, irgend weiche Beunruhigung hervorzurufen. Ich will mich hier nicht näher darüber äussern, ob die Zahl 2500 für Taufen zu hoch ist oder den tatsächlichen Verhältnissen annähernd entspricht. Denn einmal sind meine Untersuchungen hierüber noch nicht abgeschlossen, dann aber sind es doch mehr oder weniger Schätzungen. Einen Anhaltspunkt bietet auch hier die Zahl der Taufen in Berlin in diesem Jahrfünft. Sie betrug nur 696. Auf Grund welcher Ueberlegungen Ruppin eine so hohe Summe annimmt, ist mir nicht klar. Er hat allerdings damals die Austrittsziffer für Berlin noch nicht gekannt. Für das Jahr 1903 ist ein einziges Mal versucht worden, die Gesamtzahl der Austritte für das deutsche Reich auf dem Wege einer Enquete durch das Bureau für Statistik derJuden zu ermittein, und da hat sich ergeben, dass nur 260 Juden in ganz Deutschland aus dem Judentum ausgetreten sind, in Preussen allein nur 218. Weiter, das Jahrfünft 1900 bis 1905; dies ist jenes Jahrfünft, welches in der Tat eine verhältnismässig starke Zuwanderung ausländischer Juden zu verzeichnen hat, aus Gründen, auf die ich bald zu sprechen kommen werde. Es hat rechnungsmässig! in diesem Jahrfünft eine Zuwanderung von! 8200 Juden stattgefunden. Nimmt man! auch für dieses Jahrfünft 2500 Taufen und I Austritte an, dann kamen 10 700 ausländische Juden nach Deutschland. Nun dürfen wir aber nicht ausser acht lassen, dass damals in Russland die grossen Judenverfolgungen waren, weiche das Einströmen ausländischer Juden zur Folge hatte. Noch vor der Volkszählung von 1905 hat Ruppin davor gewarnt, aus dem Ergebnis der Volkszählung voreilige Schlüsse auf die Zahl der Ausländer zu ziehen, weil infolge des plötzlichen Zustroms das Bild getrübt wurde. Es ergab sich auch ein Anschwellen der Einwanderung und vielleicht hat gerade dieser Umstand viel dazu beigetragen, von einer Masseneinwanderung zu reden. Wie Sie aber wissen, hat die preussische Regierung schon von selbst die Konsequenzen aus dieser übermässigen Zuwanderung gezogen, indem sie bald nachher viele Juden auswies. Ein Teil der Zugewanderten ist übrigens, nachdem in Rußland Ruhe eingetreten war, in die Heimat zurückgekehrt oder weiter gewandert. Betrachten wir zum Schlüsse das letzte Jahrfünft 1905 bis 1910, so ist ziffernmässig ausgedrückt, sogar ein Wanderungsverlust von etwas mehr als 400 Personen zu verzeichnen, indem der Geburtenüberschuss der Jahre 1905 bis 1910, hinzuaddiert zum Volkszählungsergebnis von 1905 einen grösseren Bestand ergibt, als sich bei der Volkszählung 1910 tatsächlich herausgestellt hat. Nimmt man auch für das letzte Jahrfünft 2500 Taufen an, so sind 2000 Juden eingewandert. Was will dies bedeuten gegenüber 415 000 Juden! Kann man da in der Tat davon sprechen, dass die preussische Judenheit gewissermassen nurmehr den Ausländern ihr Dasein verdankt, wie dies in letzter Zeit behauptet worden ist! Diejenigen, welche diese Behauptung aufstellen, stützen sich eigentlich nicht so sehr auf die soeben von mir angestellte Berechnung, sondern auf einige Angaben der preussischen Statistik. Es wurde nämlich sowohl 1890 wie 1905 für Preussen in den Volkszählungen die Zahl der nicht reichsangehörigen Juden angegeben. Sie belief sich 1890 auf 11 390 und 1905 auf 38844. Es hätte demnach ein Zuzug von etwa 27 000 Juden in 15 Jahren stattgefunden. Ganz abgesehen davon, dass, wie wir oben dargelegt haben, die An-