Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 8 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Die Entwickelung der Juden in Preussen während der letzten hundert Jahre
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
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— 83 — jener Behauptungen nachwies und die interj essante Tatsache fesstellte, dass von 1840 j bis 1880 die preussischen Juden etwa 44100 durch die Abwanderung verloren hatten. Diese Abwanderung bildet \ das charakteristische Moment j für die zweite Periode, welche j 1840 einsetzte. N e u m a n n hat für die! Zeit von 1840 bis 1871 die Höhe der Abj Wanderung auf 35100 Personen angegeben. I Hierbei hat er die Taufen und Austritte; von 1840 an gänzlich unberücksichtigt gej lassen, die eigentlich, wenn man korrekt j vorgehen will, von dem Geburtenüberi schuss in Abzug zu bringen sind. Es kommt j aber im Grunde genommen — dieser Gej danke mag ihm vorgeschwebt haben — i gar nicht so sehr darauf an, ob man die Zahl der Taufen kennt, oder ob man sie etwas höher oder niedriger einstellt, denn für die Beurteilung des Verlustes, welchen die preussische Judenheit erlitten hat, ist es vollkommen gleichgiltig, ob er auf Abwanderung oder Taufen zurückzuführen ist. Es fehlten eben nach seiner Aufstellung ca. 44 100 Juden. Mit einem Schlage ist nun die Fabel der Masseneinwanderung zerstört worden. Ich möchte an dieser Stelle noch folgendes bemerken: Für die Zeit von 1840 bis 1867 konnte Neumann die Geburten und Sterbefälle, mithin den Geburtenüberschuss seinen Berechnungen zugrunde legen. Für die folgende Zeit bis 1880 ist er sowohl, wie alle anderen, die sich mit dieser Frage befassen, auf Interpolationen angewiesen. Denn einmal ist 1875 keine Ausscheidung nach der Konfession vorgenommen worden, dann aber fehlen leider die Angaben über die Geburten von 1867 bis 1875 und über die Sterbefälle bis 1877. Neumann berechnet den Verlust der preussischen Judenheit von 1872 bis 1880 durch Abwanderung auf 9000 Personen. Er bricht seine Untersuchungen ab mit dem Jahre 1880. Würde sich seine Arbeit auf 20 Jahre länger erstreckt haben, so hätte er zweifellos die zweite Periode, die 1840 begann, bis 1895 fortgeführt, denn bis 7U dieser Zeit ist fortwährend eine Abwanderung aus Preussen erfolgt, und zwar seit 1880 in viel stärkerem Masse als in der vorangegangenen Zeit. Die Gründe sind ja bekannt. Ich habe sie in meinem soeben erschienenen Buche ,7Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland'" skizziert, so dass ich mich kurz fassen kann. Die wirtschaftliche Knsis Ende der siebziger Jahre führte zu einer Massenauswanderung nicht bloss von Juden, sondern auch von Christen aus Preussen und den meisten übrigen deutschen Staaten. Dazu kamen die Ausweisungen von 1880 bis 1885, wahrscheinlich hervorgerufen durch die antisemitische Hochflut und die Fabel von der Masseneinwanderung, Nach meinen Berechnungen sind in den Jahren 1880 bis 1885 ca. 17 000 Juden aus Preussen abgewandert. Es betrug nämlich der Ist bestand der preussischen Judenheit im Jahre 1880 363 790, im Jahre 1885 366 575, also die tatsächliche Zunahme in diesen fünf Jahren nur 2785 Personen, während der Bevölkerungszuwachs infolge des Geburtenzuwachses 20 040 ausmachte, sodass der Verlust sich auf 17 255 beziffert, lieber die Höhe der Austritte und Taufen in iener Zeit sind wir nicht genügend unterrichtet. Auch für die Gegenwart können wir nur schätzen. Soviel aber steht fest, dass die Zahl derselben in der damaligen Zeit in gar keinem Verhältnis zur Gegenwart steht. In den Jahren, welche man als Hochsaison der Taufen in Preussen bezeichnen kannnämlich von 1822 bis 1840 sind laut amtlicher Angaben nicht mehr als 122 Juden im Jahre aus dem Judentum ausgetreten. In dem von uns behandelten Jahrfünft haben sich in Berlin nicht mehr als 274 Personen taufen lassen. Vergegenwärtigen wir uns, dass damals noch ein erheblicher Teil von Juden auf dem Lande und in kleinen Städten wohnte, wo ja die Taufe keinen Eingang gefunden hatte, und dass Berlin auf diesem Gebiete die meisten Onfer fordert, so wrerden wir wohl nicht fehlgehen in der Annahme, dass ca. 5—600 Juden in diesen 5 Jahren abgefallen sind, sodass annähernd i 17 000 Personen abgewandert sind. Aber j wie gesagt, es sind dies nur Annäherungsi werte. Es lässt sich nicht mit aller Be-