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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 82

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
8 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Article
Die Entwickelung der Juden in Preussen während der letzten hundert Jahre
Date
1912-06-01
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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— 82 — wichtige Tatsachen, so die Alterszusammensetzung der preussischen Juden, die Gliederung derselben nach dem Familienstand, die Verteilung auf Stadt und Land etc. mitgeteilt. So sehr es mich auch reizt, Ihnen manche Ergebnisse dieser überaus irA.eresse.men Tabellen vorzuführen, so will ich mich darauf beschränken, Ihnen zu zeigen, v/ie sich zahlenmässig die preussische Judenheit entwickelt hat. Es wäre dies aber selbst auf Grund der Volkszählungsergebmsse unmöglich, wenn wir nicht ausser über die absoluten Zahlen auch noch über die natürliche Vermehrung, die in dem Geburtenüberschuss zum Ausdruck kommt, unterrichtet wären. Wir können für Preussen die Geburten, Sterbefälle und Eheschließungen bis 1822 zurückverfolgen. Für die Jahre 1822 bis 1840 sind sogar die Angaben über Austritte aus dem Judentum vorhanden, so dass wir eine zutreffende Vorstellung davon gewinnen, wie die Entwicklung vor sich gegangen ist. Der Zeitraum von 1816 bis 1910 lässt sich in drei Perioden einteilen, nämlich in die Periode von 1822 bis 1840, 1840 bis 1895 und von da ab bis 1910. Jede dieser drei Zeitspannen hebt sich scharf von der anderen ab. Es betrug die Zahl der Juden in Preußen im Jahre 1816 123 938, d. h. auf je 100 000 Personen der Gesamtbevölkerung entfielen 1190 Juden. Im Jahre 1840 war die indische Bevölkerung angewachsen auf 194 558, und es kamen auf je 100 000 Personen der Gesamtbevölkerimg bereits 1330 Juden. Es war also das Wachstum der Juden stärker vor sich gegangen als jenes der Gesamtbevölkerung. Der Grund für die stärkere Zunahme Hegt aber nicht etwa darin, dass die Juden in viel höherem Masse als die Gesamtbevölkerun£ in diesem Zeit- . o räum, eine Zuwanderung aus dem Auslande aufzuweisen haben, sondern wesentlich in dem relativ grösseren Ueberschuss der Geborenen über die Gestorbenen, der seinerseits nicht auf einer grösseren Fruchtbarkeit der Juden, sondern auf einer günstigeren Sterblichkeit derselben im Vergleich zur übrigen Bevölkerung beruht. Es wurden nämlich in den Jahren 1822 bis 1840 durchschnittlich jährlich geboren unter 100 000 Christen 4001, unter 100 000 Juden nur 3546, es starben dagegen durchschnittlich unter 100 000 Christen 2961, unter 100 000 Juden nur 2161, sodass der Geburtenüberschuss unter 100 000 Christen 1040; unter 100 000 Juden 1385 ausmachte. Das Charakteristische dieser ganzen Periode aber liegt in der Tatsache, "3ass damals die preussische Judenheit eine Zuwanderung aus dem Auslande aufzuweisen hat. Sie wird von Dr. J. G. H o f f m a n n, dem Direktor des statistischen Bureaus, in seiner Schrift: „Zur Judenfrage. Statistische Erörterung. Anzahl und Verteilung der Juden im Preussischen Staate, nach einer Vergleichung der Zählungen zu Ende der Jahre 1840 und 1822. (Berlin 1842)" auf 9567 angegeben, von Dr. S. Neu mann in seiner Schrift: „Die Fabel von der jüdischen Masseneinwanderung. Ein Kapitel aus der preussischen Statistik (Berlin 1880)" auf ca. 10 500. Diese Tatsache nun, welche, wie eben erwähnt, im Jahre 1840 von Hoffmann festgestellt! wurde, und die gleichzeitig festgestellte! grössere natürliche Vermehrung der preußischen Juden scheint damals sowohl Volk wie Regierung mit Besorgnis vor einer Uebervölkerung mit Juden oder Ueberflutung durch Ausländer erfüllt zu haben. Darauf sind wohl die oben genannten Judentabellen zurückzuführen, die über die Lage der preussischen Juden Aufschluss geben wollten. Allmählich begann man von einer jüdischen xMasseneinwanderung 7v. fabulieren, Ende der siebziger Jahre kam, wie Ihnen allen bekannt ist, die antisemitische Bewegung, die sich dieser Fabel bemächtigte und darauf hinzuwirken suchte, dass die Regierung Schutzmassregeln gegen die Einwanderung ergreifen solle. Es war j nun kein Geringerer als der bereits genann-! te Sanitätsrat Dr. S.Neumann, der Leiter i des statistischen Amts der Stadt Berlin,! der in zwei Arbeiten*) die Unrichtigkeit *) .,Die Fabel der jüdischen Masseneinwanderung" und „Zur Statistik der Juden in Preussen von 1816 bis 1880" (Berlin 1880 und 1884).

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