Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 8 (1912)
- Issue
- Heft 3 (März 1912)
- Article
- Neomalthusianismus und Judenfrage
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 46 (sequence 4)
- Language
- German
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— 46 — Es wurden geboren: 28494 Juden es starben 22916 Geburtenüberschuß 5578 Taufen u. Austritte (schätzungsweise) 2400 Verlust v. Kindern aus Mischelien 600 Rechnungsmäßige Zunahme 2578 wirkliche Zunahme 5100 bleibt durch Wanderung zu erklärender Gewinn -i- 2500 ,,:;:) Man geht sohin nicht fehl, wenn man die Behauptung aufstellt, daß von 189(5 bis 1910 rund 20 000 Juden mehr in Preußen einals ausgewandert sind. Stellt man dem gegenüber, daß im Jahre 1895 in Preußen noch 8111 jüdische Geburten erfolgten. 1909 aber nur noch 0 724, so ist dieser Rückgang doppelt bedeutungsvoll. Soweit Preußen in Betracht kommt, kann dalier die sinkende Geburtenziffer nur aus wirtschaftlichen und psychologischen Momenten erklärt werden. Auf Wanderungsverluste, wie dies S e g a 11 Innsichtlich der bayerischen Juden im 8. Jahrg. der „Zeitseh r. für Stat. u. Dem. d. J.~ Seite 7 mit Glück dargetan hat, kann das Sinken der Geburtenziffer der preußischen Juden nicht zurückgeführt werden! Denn selbst, wenn man annimmt, daß die abwandernden Elemente zeugungstüchtiger gewesen wären, als die einwandernden, so wird dieser Nachteil dadurch wieder wettgemacht, daß die Einwandernden um soviel zahlreicher waren *) Was die obigen Zahlen und die Zahlen der Bevüikerungsbilanz betrifft, so sind dioselbcn bis 1900 von Ruppin berechnet, bezw. geschätzt worden. (Zeitschrift 1. Jahrgang 6. Heft). Ab 1900 habe ich Ruppins Berechnungen nach den Angaben der Zeitschrift weitergeführt. Bei meiner Schätzung der Taufen und Austritte, sowie der Verlust der Kinder aus Mischehen, habe ich dieselben Schatzungsmaßstäbe angewandt wie Ruppin und daher angenommen, daß diese Ziffern zwar weiter gestiegen sind, jedoch nicht so rasch als in den 90er Jahren. Segall spricht im 7. Jahrg. d. Zeitschr. S. 150 nur von einem Wanderungsgewinnn von 500 Personen für den Zeitraum 1905—09, dabei hat er jedoch die Verluste aus Taufen und Mischehen nicht berücksichtigt, was auch gar nicht seine Absicht war. Berücksichtigt er sie, wird er wohl zu dem gleichen Resultat kommen wie ich. als die Auswanderndem Der Rückgang der Geburten der Juden in Preußen in den letzten 15 Jahren ist daher fast vollständig auf das Konto des Neomalthusian i s m u s zu buchen! Ich stehe darum auf demselben Standpunkte* den der Kieler Historiker Rachfahl kürzlich in den „Preußischen Jahrbüchern;/* eingenommen hat. Ich halte die Lage der Juden in Westeuropa für so ernst wie nie zuvor. Wenn man auch nicht von einem „Untergang" der deutschen Juden sprechen kann, so stehen ihnen doch Tage bevor, in denen sie auf eine unglaublich geringe Zahl zusammenschrumpfen werden. Dieser Zeitpunkt wird eintreten, wenn die ländlichen Gegenden ihre letzten jüdischen Bewohner an die Städte abgegeben haben werden — und das steht uns bald bevor, wohnten doch z. B. in der ganzen Provinz Posen (inkl. Posen-Stadt) 1910 nur noch 26000 Juden, gegen 81000 im Jahre 1846 *) — und wenn die Ströme aus dem Osten zu versiegen beginnen — und auch daran muß man denken, ist doch die Auswanderungsziffer der Juden in Rumänien heute bereits so stark, daß dort die Geburtenziffer schon mächtig zu sinken beginnt; sie sank von 48 Geburten auf 1000 im Durchschnitt der Jahre 1891/95 auf 29,:] auf 1000 im Jahre 1910. Wie rasch dieser Prozes« sich vollzieht, läßt sich wissenschaftlich noch nicht feststellen: aufzuhalten wäre er nur, wenn das Judentum sich wieder auf sieh selbst besänne. Nach w o r t. Da Dr. Wasser m a n n in einigen Punkten scheinbar im Widerspruch zu meinen Anführungen an den von ihm zitierten Stellen;:) Die Abwanderung von zahlreichen Personen im heiratsfähigen Alter kommt auch in der jüdischen Geburtenziffer" die Provinz Posen zum Ausdruck. Im Durchschnitt der Jahre 1824—73 finden wir jährlich noch um 131 Geburten mehr als Sterbefälle (Wassermann, Zeitschrift, Jahrg. 6, 70), 1880 noch um 119 Geburten mehr; 1905 dagegen ein Geburtenmanko von 70 Geburten jährlich. (Mitscherlich, Die Ostmark, S. 60).