Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 8 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Zur Krankheitsstatistik der Juden
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 22 — Tod, die so viel Blutvergießen heraufbeschwor, stellt M. Fishberg als Fabel hin in dem Artikel „Die angebliche Rassenimmunität der Juden-*) indem er Häser anführt, demzufolge während des vierzehnten Jahrhunderts „in Avignon . .. vorzüglich das gemeine Volk, insbesondere die Juden und die sehr unmäßigen Spanier von der Pest ergriffenwurden. Aehnliehe Angaben finden wir noch über Cholera und Malaria; im allgemeinen seltneres Befallensein der Juden, an einigen Orten wieder das Gegenteil. Dr. A. Reibmayr bezieht das günstige Ergebnis auf die Vererbung und Befestigung der immunisierenden Kräfte, die diejenigee erworben hatten, die die Seuche überstanden, und die infolge der angenommenen jüdischen Inzucht nicht wieder verloren gingen. Sofer, der ihn zitiert, gibt ihm in einer Anmerkung recht, weil die Choleraepidemie, die im Mittelalter furchtbar unter den Juden hauste, bei ihrem Wiederauftreten in Budapest 1851 die Juden sichtlich schonte (Tornay). Haben wir bis jetzt gesehen, daß abgesehen voii den drei großen Todesursachen, von denen das Alter noch ein großes Pius zu gunsten der Juden bedeutet und die anderen sich zwanglos aus der Beschäftigung erklären lassen, das stärkere Befallensein der Juden also erst durch eine Berufstatistik nachgewiesen werden müßte, alles andere auf schwankendem Grunde ruht, so wollen wir jetzt, wieder auf dem Boden der Hygiene und ihrer Wirkungen fußend, das Freisein der Juden von gewissen Leiden betrachten. Um ganz kurz die Verschonung von den großen Seuchen im Mittelalter ab zutun, so stehen sich über die Gründe dafür die Meinungen gegenüber, und neben der Annahme Reibniayrs von der schon im Orient erworbenen Immunität dagegen <mit Ausschluß der Cholera) neben der Beobachtung der Speise- und Reinheitsgesetze als Prophy- *) Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. 1908. **) Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. 1906. (Dr. Leo Sofer.) laxe wjrd auch angegeben, daß die Pest die Juden infolge ihrer gänzlichen Isolierung im Ghetto nicht habe erreichen können, denn sie kamen mit dem Ansteckungsstoff garnicht in Berührung. Ich überlasse die Kritik darüber, besonders der letzten Hypothese, die von Fishberg stammt, dem geneigten Leser. Wenden wir uns jetzt den Krankheiten der Frauen zu, deren Geschlechtshygiene schon die Bibel eine so große Aufmerksamkeit schenkt, so sind wir in der Tat erstaunt über die eiazelnen Tatsachen, von deren Erkenntnis wir einen großen Teil der Beobachtung des Münchener Gynäkologen, Hofrat A. Teilhaber, verdanken. Es zeigt sich nämlich, daß die Jüdinnen bedeutend früher entwickelt sind als ihre nordischen Geschlechtsgenossinnen. Während diese durchschnittlich mit 15 —17 Jahien geschlechtsreif werden, finden wir bei Jüdinnen den Eintritt der Periode schon mit 12—15 Jahren, ja noch früher. So früh der Beginn der Menstruation erfolgt, so spät setzt das Klimakterium ein, und wenn man noch behaupten könnte, der frühe Eintritt sei ein Erbteil aus dem früheren südlichen Ursprungslande, indem man die Forschungen Dr. F. Theilhabers berücksichtigt, demzufolge die ersten Menses bei Mutter und Tochter immer zugleich einsetzen, fast bis auf den Tag genau, so muß uns das zweite Faktum davon überzeugen, daß dieses Erbteil mindestens keine übertriebene Bedeutung besitzt, denn feo früh in heißen Klimaten die Geschlechtsreife auftritt, so schnell hört sie auch auf (mit 25—35 Jahren). Wir werden wohl nicht fehlgehen, bei der Jüdin eine Wechselbeziehung zwischen Vererbung und den frühen Heiraten zu sehen, von denen jeder Faktor mindestens gleich bedingend ist. Eine wichtige Frage in der Ehe ist die Stillfähigkeit der jungen Mutter, und auch hier hat sich bis jetzt noch vieles zugunsten der Jüdinnen nachweisen lassen. Wenn man auch für den Rückgang der allgemeinen Stillfähigkeit den Alkohol, den verderblichsten Vernichter der Volkskraft, besonders verantwortlich macht (L. Eisenstadt), so trägt