Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 8 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Zur Krankheitsstatistik der Juden
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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— 1 9 — gegenüber, fest, während sieh unter den Gebarten ein Ueberschuß vorfindet, der z.B. für Ungarn 1906 fast das doppelte der Todesfälle beträgt*) Sind etwa die Juden auch weniger krank als ihre Mitbürger? Wohl kaum. Aber neben einer vielleicht widerstandsfähigeren Konstitution ist es die größere Achtsamkeit auf die Krankheitszustände ihres Körpers, die die Juden frühzeitiger zum Arzt führt, und die aufopfernde Pflege in ihrer Familie, die eine häufigere Genesung bedingt. Daraus erklärt sich auch die geringe Kindersterblichkeit, die den Juden einen bedeutenden Vorsprung vor den anderen Völkern gewährt; sie beträgt nach der erwähnten ungarischen Statistik um ungefähr ein Drittel der Lebendgeborenen weniger, als der Gesamtbevölkerung entspricht. Genest der Jude aber häufiger von seinen Krankheiten und ist seine Sterblichkeit gering, so heißt das mit anderen Worten, der Jude wird alt. Während bei anderen Völkern die Kurve der Sterblichkeit um so mehr fällt, in ein je höheres Alter wir kommen, steigt sie bei den Juden vom mittleren bis ins hohe Alter (E. Auerbach-. Die Konsequenz daraus ist, daß der Jude mehr an Alterskrankheiten stirbt als sein Mitbürger, in ziemlich hohem Prozentsatz an Altersschwäche. Es wundert uns nun nicht mehr, wenn wir bei ihnen von höherer Krebssterblichkeit hören, von Arterienverkalkung, von Erkrankungen an den Geschlechtsorganen und Zuckerharnruhr als Todesursache, ja wir würden diese Tatsache sogar als Zeichen von besonderer Lebenskraft begrüßen, wenn diese Leiden nicht heimtückisch eine erbliche Disposition bedingen könnten. Krebs, Diabetes, Arteriosklerose, Fettsucht und Gicht, sie alle gehören zu einer Kategorie von Störungen im Körperhaushalt, die gleichartig oder sich gegenseitig ablösend die Veranlagung auf die Nachkommen übertragen. In diesem Zusammenhange erseheint auch der Krebs in einem anderen Lieht. So umstritten seine Entstehung durch äußere Heize ist. so können wir ihn jedenfalls als eine Art Stoffwechsel- Störung betrachten, besonders wenn wir seine oft bemerkte „Erblichkeit" berücksichtigen. Immerhin ist er mehr eine Krankheit des *\lters wie die anderen oben aufgezählten Leiden außer der Fettsucht; der Grund dafür ist aber noch lange nicht geklärt. Auch bei der Zuckerharnruhr ist noch vieles ungelöst. Besonders ihre Entstehung muß uns interessieren, denn die von Auerbach angeführte Tatsache gibt zu denken, daß in Budapest dreieinhalb mal soviel Juden daran sterben, als Katholiken. Hören wir darüber den Wiener Kliniker Prof. Strümpe 11 :*) Neben der Disposition durch Vererbung spielt die erbliche Disposition zu Nervenkrankheiten eine Rolle, neben unpassender Nahrung die sitzende Lebensweire mit reichlicher Ernährung und Fettleibigkeit. Außer dem Alkoholismus treten in den Vordergrund psychische Affekte, geistige C beranstrengungen, Sorgen und Gemütsbewegungen, ferner außer Infektionen noch Verletzungen, besonders des Kopfes. Wir ersehen daraus, daß der Heizung des Nervensytems und schon seiner ererbten Schwäche ein nicht geringer Einfluß darauf zugeschrieben wird. Inwiefern das für die Juden bedeutungsvoll ist, werden wir bald betrachten. Die gefürchtetste Folge des Diabetes bildet der Brand, meist an den Zehen beginnend, bedingt durch schlechte Blutzirkulation und den dadurch eintretenden Nahrungsmangel und Tod der Gewebe. Das Fehlen einer gehörigen Durchblutung verursacht auch die Beschwerden der Gefäßkrankheiien, von allem der Arterienverkalkung. Aetiologisch wieder eine Alterskrankheit, die, ähnlich den vorhergehenden, jetzt immermehr auf die Jugend fortschreitet. Begünstigend für ihr Auftreten sind wieder, neben dem Alkoholismus, die Fettleibigkeit *) Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden 1908, S. 121. *) A. Strümpell: Die Pathologie und Theraphie der inneren Krankheiten, 1909, II, S. 214.