Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 8 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Stand der jüdischen Bevölkerung in Deutschland auf Grund der Volkszählung v. 1. Dez. 1910
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 4)
- Language
- German
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— 10 — and tatsächlichen Zunahme interessant und bedeutungsvoll. Tabelle 11. Jahrfünft Natürliche Zunahme Tatsächliche Zunahme Verlust der jüd. Bev. 1880 -85 2716 171 25« 1885—-00 1738 im 1550 1890-95 1342 — 135 Uli 1895—1900 1239 1178 61 1900—1905 1196 413 783 19uö—1910 902 — 27(5 1178 Ein Blick auf diese Gegenüberstellung j enthüllt uns die merkwürdige Tatsache, daß j von 1880 bis 1895 in ganz auffallend starkem I Mahe die tatsächliche Zunahme hinter der j natürlichen zurückblieb. In den beiden Jahrj fünften 1880 bis 1885 und 1890 bis 1805 ist j dieser Kontrast am schärfsten ausgeprägt. \ Der plötzliche Uebergang von der Ursprungj lieh raschen Vermehrung, welche, wie wir j sahen, auf einer gesunden Fruchtbarkeit bej ruhte, zu einem geringen Wachstum, das auf j einmal gänzlich aufhört und sich in eine j Abnahme verwandelt, ist aus der Divergenz j zwischen der natürlichen und tatsächlichen I Zunahme zu erklären. In dieser Divergenz j müssen wir auch die wesentlichste Ursache j für die sinkende Gehurten rate und Stagnation j der bayerischen Judenheit etblicken. Die j jüdische Bevölkerung hat in den 80er Jahren j bis in die Mitte der 90er hinein einen relativ j sehr erheblichen Mensehenverlust zu verj zeichnen, der durch die spätere Einwanderung nicht wieder gut gemacht werden konnte. Der ziffernmäßige Verlust betrug 1880—85 2545. 1885—-90 1550 und 1890—95 1477 Personen. Jedoch nur für das Jahrfünft 1880 — 85 entspricht die angegebene Zahl den tatsächlichen Verhältnissen, weil in diesem Zeitraum unseres Wissens keine Einwanderung stattfand, welche das Bild trübt. In der Folgezeit aber, namentlich 1885---9U fand eine, wenu auch schwache Zuwanderung statt, die einen Teil der Auswanderung kompensierte, sod&ß die oben genannte Zilier i'ür dieses Jahri'ünl't nur einen Annäherungswert darstellt. Diese Verluste, welche wohl in erster Linie auf die Abwanderung zurückzuführen sind, sind, wie .bereits an. anderer Stelle hervorgehoben wurde, natürlich von a u s s chl agg eben der B e deut ttng für die komm en de Entwickelung der bayerischen Judenheit geworden. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der anfangs der 80er Jahre beginnende Geburtenrückgang mit dieser Erscheinung im Zusammenhang steht, da zahlreiche Personen, die für die Gründung von Familien und damit auch für die Fortpflanzung in Frage kamen, aus dem jüdischen Volkskörper ausschieden. Legt man diesen Gesichtspunkt an die Betrachtung der natürlichen Bevölkerungszunahme an, so wird man eher imstande sein, den gewaltigen Geburtenlückgang zu erklären. Es soll damit keineswegs behauptet werden, daß die sonst angeführten Gründe wirtschaftlicher und psychologischer Art, die für das Nachlassen der Fruchtbarkeit geltend gemacht werden, unwirksam waren, es soll nur das Augenmerk auf das äußere Moment der Abwanderung gelenkt werden, weil dies von mindestens so holier Wichtigkeit ist, als die übrigen in Betracht, kommenden Faktoren. Es soll durch diesen Hinweis vor allem vermieden werden, aus der rückläufigen Geburtenzahl schlechthin auf das Bestehen einer Dekadenz in weiteren jüdischen Kreisen zu schließen. Die zweite Zeitspanne 1895 bis 1910 weist dieselbe Entwicklung wie die vorangehende von 1880 bis 1895 auf, nur daß hier die Gründe für die Zu- und Abnahme anderer Art sind. Die Zunahme ist zurückzuführen auf die Einwanderung ausländischer Juden während des Jahrfünfts 1895 bis 1900 und die Abnahme außer auf die Abwanderung, die auch jetzt noch fortdauert, auf die anderen Momente, die wir bereits als destruktive bezeichnet haben, auf die Taufen und Verluste durch Mischehen. Ganz besonders beachtenswert ist. daß im Jahrfünft 1895 bis 1900 trotz eines starken Zustroms von außen die tatsächliche Zunahme hinter der natürlichen zurüekhlieb. Daß bereits vor 15 Jahren die Taufseuche in Bayern eine so starke Ausdehnung angenommen haben sollte, ist nicht