Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 8 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Stand der jüdischen Bevölkerung in Deutschland auf Grund der Volkszählung v. 1. Dez. 1910
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 3)
- Language
- German
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9 — lediglich äussere Momente die Schuld au der Verminderung der Bevölkerungszahl trugen, so ist auch bei dem neuerdings zutage getretenen Rückgang die Frage berechtigt, ob nicht neben der nachlassenden Geburtenhäufigkeit auch andere natürliche Ursachen mitwirken, welche eine Schwächung des Bestandes herbeiführen. Bei einer näheren Betrachtung unserer Tabelle nehmen wir mehrere deutlich von einander getrennte Perioden wahr. Zuerst das Jahrfünft 1880 bis 1885, in welchem die Zunahme im Vergleich zur folgenden Zeit sehr günstig war; sie betrug 4,2%. Dieses Jahrfünft bildet den Schluß einer Blüteperiode, welche 1867 einsetzte und ein vo^i Jahrfünft zu Jahrfünft steigendes Wachstum der bayerischen jüdischen Bevölkerung zeigt. Es w^ar dies jene Zeit des politischen und wirtschaftlichen Aufschwungs Deutschlands, der unter anderem sich auch in einer gesteigerten Volksvermehrung dokumentierte, an der auch die Juden Bayerns, Preußens, Hessens und anderer Staaten Teil hatten. Die zweite Periode setzte 1880 ein und reicht bis 1895, Plötzlich tritt eine Verlangsamung im Wachstum ein, geradezu eine Stagnation, die sich am Schluß sogar in eine absolute Abnahme verwandelt. Die dritte Periode, welche 1895 beginnt und noch bis in die Gegenwart hineindauert, weist eine vollkommene Analogie mit der vorigen auf, indem auch in dieser nach einem vorübergehenden Aufschwung ein langsames Nachlassen der Mehrung zu Tage tritt, die sich zuletzt in ihr Gegenteil, in eine Abnahme verkehrt. Bei der näheren Beleuchtung dieser drei Perioden werden wir die Gründe kennen lernen, welche für die Entwicklung der bayerischen jüdischen Bevölkerung von entscheidender Bedeutung gewiesen sind. Zwei Faktoren sind bei der Betrachtung der Entwicklung einer Bevölkerung stets im Auge zu behalten, einerseits der Gewinn undVerlust, der auf natürlichen Wege, d.h.durch den positiven oder negativenGeburtenüberschuß erfolgt, und andererseits der Gewinn und Verlust, der auf künstlichem Wege vor sich geht, d.h.durch Zu- bzw. Abwanderung und Konfessionswechsel infolge von Taufen und Uebertritten. Der zweite ist insbesondere bei der jüdischen Bevölkerung sehr wesentlich und wird in vielen Fällen wenig berücksichtigt, wahrend dem ersteren ein allzugroßes Gewicht beigelegt wird. Der Grund für diese einseitige Betrachtungsweise liegt darin, daß in der Regel nur die Volkszählungsergebnisse besonders und die Geburten- und Sterberate ebenfalls besonders behandelt we rden, während nurderVergleich beider Ergebnisse das richtige Bild gibt. Wir werden daher infolgedessen die natürliche Zunahme, d. h. den Geburtenüberschuß während der einzelnen Jahrfünfte der tatsächlichen Zunahme, die sich aus der Subtraktion zweier auf einand e rf ol gen de r Volk szählungse rgebni sse ergibt, gegenüberstellen und dadurch eine einigermaßen zutreffende Vorstellung von der Stärke des künstlichenBevölkerungswechseis gewinnen. Hierbei müssen wir jedoch vorausschicken, daß wir für das Jahrfünft 1875/80 einen derartigen Vergleich nicht hersteilen können, weil uns zwar die Zahl der Lebend- und Totgeburten zusammen für diese Zeitstrecke bekannt ist, nicht aber die Anzahl der Lebendgeburten gesondert, sodaß wir keinen Geburtenüberschuß berechnen können, der in der Differenz zwischen Lebendgeburten und Sterbefällen (ausschl. Totgeburten) besteht. Nur soviel wissen wir. daß damals die Fruchtbarkeit der bayerischen Juden und demzufolge ihre natürliche Zunahme eine sehr günstige war. Es betrug beispielsweise im Jahre 1879 — für dieses Jahr kennen wir die Zahl der Lebendgeburten — die Geburtenziffer der bayerischen Juden 30 %o, der Gesamtbevölkerung 40 %o3 sodaß man das Wachstum der bayerischen Judenheit in dieser Zeit und auch im vorangehenden Jahrfünft ohne weiteres ebenso wTie in den übrigen deutschen Staaten auf eine gesunde Volks Vermehrung der Juden zurückführen kann. Erst von 1880 an beginnt die Entwicklung einen anormalen Charakter anzunehmen und erst von da ab ist der Vergleich zwischen der natürlichen