Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 8 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Stand der jüdischen Bevölkerung in Deutschland auf Grund der Volkszählung v. 1. Dez. 1910
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 2)
- Language
- German
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— s — rnehrung der bayerischen Judenheit hingewiesen worden, und gerade der absolute Rückgang der bayerischen Juden ist es gewesen, welcher den Gedanken an den drohenden Untergang der deutschen Juden wachgerufen hat. Man ist dahin gekommen, die bayrische Judenheit gewissermaßen als Typus der jüdisch enDekadenz zubetrachten,indemman auf ihren zahlenmäßigen Verfall als deutliches Symptom desselben hinweist. Da erscheint es nun geboten, den Ursachen dieses Rückgangs etwas tiefer nachzuspüren, soweit die Statistik die Möglichkeit hierzu bietet, und zu zeigen, wie vorsichtig man sein muß , aus den Zahlen der Geburten und nakten Volkszählungsergebnissen schlechtweg Schlüsse auf die Entwickelung einer Bevölkerungsmasse, sowohl nach der physischen wie moralischen Seite hin zu machen. Dazu kommt, daß wir hier bereits einer ganzen Anzahl von Faktoren begegnen, die auf die Zubezw. Abnahme einer Bevölkerung von bestimmendem Einfluß sind, die auch bei der Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in anderen Bundesstaaten, wie Württemberg, Hessen, Elsaß- Lothringen u. 8. w. wiederkehren, sodaß wir bei einer späteren Behandlung dieser Bundesstaaten uns kürzer fassen und auf die vorliegende Untersuchung verweisen können. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Art und Weise, wie die bayrische Judenheit in den letzten 40 Jahren sich entwickelt bezw. nicht entwickelt hat, in hohem Maße auffallend ist. Auch wer nicht eingehend mit den bayerisch enVerhältnissen vertraut ist, weiß, daß Bayern, zu jenen Bundesstaaten gehört, die von aussen her einen starken Zustrom von Juden empfingen — namentlich München und Nürnberg haben sehr beträchtliche Massen ausländischer Juden aufgenommen —, weiß, daß Bayern noch ein stark agrarisches Land ist, mithin bis vor kurzer Zeit noch eine erhebliche Landbevölkerung — auch von Juden — aufwies, deren Vermehrung keine ungünstige ist, und muß sich demgemäß verwundert fragen, woher es denn kommt, daß bei der baverischen Judenheit von einem rückzuverfolgen erenau Vergleich Wachstum gar nicht die Rede, ja sogar eine Abnahme zu verzeichnen ist. Um diese Frage einigermaßen zu beantworten, ist es erforderlich, die Zahl der Juden bis 1875 zudie einzelnen Jahrfünfte zu betrachten und namentlich den zwischen der tatsächlichen und natürlichen Bevölkerungszunahme vorzunehmen, der zumeist gänzlich außer acht gelassen wird, obwohl er am ehesten geeignet ist, Aufschluß über wichtige Bevölkerungsvorgänge zu geben. Nut ganz kurz müssen wir auch die frühere Zeit streifen, insbesondere die Periode von 1840 bis 1867, weil sie auch für die Folgezeit von Bedeutung geworden ist, und können uns hierbei auf die Ergebnisse der Untersuchung stützen, die Dr. Wassermann in Heft 11, I. Jhrg. dieser Zeitschrift in dem Artikel: „Die Entwickelung der jüdischen Bevölkerung in Bayern im 19. Jahrhundert" angestellt hat. Wir geben in folgender Tabelle 1 die Zahl der Juden in Bayern von 1875 bis 1910, ihre prozentuale Zu- und Abnahme und den prozentualen Anteil derselben an der Gesamtbevölkerung. Tab. 1. Volks- Zählungsjahr;■ Zahl der |udcn | prozentuale j Zubezw. Abnahme Prozcnta^tcil der f^den aa der Ges. Bev. 1875 1880 1885 1890 1895 1900 1905 1910 51335 53526 53897 53885 53750 54928 55341 55065 4,2 0,3 0,3 0.2 2 2 0/7 0,5 1.02 1,01 0.99 0,96 0,92 0,89 0,85 0,80 Zunächst ist festzustellen, daß die absolute Abnahme der Juden im letzten Jahrfünft in der neuesten Geschichte der bayrischen Judenheit nicht vereinzelt dastebt. Bereits um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, in der Zeit von 1840 bis 1867 sank die jüdische Bevölkerung von 59292 auf 49840, verlor also Ve ihres Bestandes und auch im Verlauf der von uns betrachteten Zeitstrecke fand einmal ein absoluter Rückgang statt, nämlich von 1890 bis 95. Wie in diesen beiden Fällen