Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1908-12-01 · Heft 12 (Dezember 1908) · p. Seite 183

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
4 (1908)
Issue
Heft 12 (Dezember 1908)
Article
Die angebliche Rassen-Immunität der Juden
Date
1908-12-01
Page
Seite 183 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2650397-3187703-3187716-3192252--1973-3192284
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 183 - Unterschiede in der Größe der jüdischen Morbidität und Mortalität an ansteckenden Krankheiten nach Zeit, Ort, Schwere der Epidemie etc. vorhanden sind. Tatsächlich zeigte es sich, daß j einige ansteckende Krankheiten öfter bei Juden als Nichtjuden Todesursachen sind. Insbesonderen Diphtherie und Croup scheinen die Juden viel häufiger zu ergreifen oder haben wenigstens öfter einen bösen Ausgang als bei Christen. Stokvis berichtet, daß in Amsterdam 1856 die Sterbeziffer an Diphtherie und Croup bei den Juden 13,7% war, bei den nichtjüdischen Armen nur 4,04°/0, während sie unter dem Rest der Stadtbevölkerung nur 5,88% betrug. Ebenso sind auch nach dem Census Bulletin die Juden in den Vereinigten Staaten hinfälliger gegen Diphtherie und Croup als der Rest der Bevölkerung, obwohl für New-York aus der vom Verfasser gesammelten Statistik hervorgeht, daß sie weniger an dieser Krankheit sterben als die nichtjüdische Bevölkerung. In den vier hautsächiich von Juden bewohnten Stadtteilen war die Sterblichkeit 1897—1899 5,95 auf 1000 der Bevölkerung gegen nur 6,42 unter der Gesamtbevölkerung der Stadt. Man muß jedoch daran denken, daß die jüdische Bevölkerung in diesen Vierteln hauptsächlich aus Einwanderern besteht, d. h. aus Erwachsenen, die ihre Familien in Europa gelassen haben. Sie haben infolgedessen einen ausnahmsweise hohen Prozentsatz von Erwachsenen, besonders männlichen Geschlechts, und einen geringeren von Kindern, aus deren Mitte die meisten Opfer der Diphtherie stammen. Die kleine Differenz zugunsten der Juden kann daher dem Unterschied in der Altersverteilung der Bevölkerung zugeschrieben werden. In der Tat war 1906 die Sterblichkeit an Diphtherie in New-York unter den russischen Juden 71,0 auf 100000 gegenüber 39,9 bei der Gesamtbevölkerung. Eine weitere Bestätiguag der Ansicht, daß keine Rassendifferenzen in der Empfänglichkeit der Juden gegen Diphtherie zu beobachten sind, liefern folgende zwei Beispiele. In Wien fand Rosenfeld, daß 1901—1903 die Sterblichkeit an dieser Krankheit betrug: bei Katholiken 27, bei Protestanten 19, bei Juden nur 13 auf 100000 der Bevölkerung. Also eine geringere Sterblichkeit der Juden. In Krakau dagegen | ist, wie ich aus Thon's Zahlen berechne, genau das Gegenteil der Fall. Die Sterblichkeit an Diphtherie und Croup war 1896 bis 1900 bei den Juden 57,6, bei den Christen nur 49,0; und in Lemberg war sie 1897—1902 nur 27,1 auf 100000 Juden gegen 35,5 auf 100000 Christen. Es ist also ersichtlich, daß die Sterblichkeit an dieser Krankheit unter den Juden in Krakau höher, in Lemberg niedriger ist als unter den Christen. Es ist klar, daß man hieraus keine spezifische Disposition oder Immunität folgen kann. ' Alles hängt bei Juden und Christen von dem örtlichen und zeitlichen Ursachen ab. Wenn in dem Zeitraum 1901—1903 in Wien die Sterblichkeit der Juden niedriger war als die der Christen, so kann eine heftige Epidemie in den hauptsächlich von Juden bewohnten Stadtteilen das Verhältnis umkehren. Das wird am besten durch die Verhältnsse in Budapest klargelegt. Clatter (Casper's Vjsch 1864, Bd. XXV, pp. 32—45) berichtet, daß 1863 die Sterblichkeit an Diphtherie und Croup bei der christlichen Bevölkerung nur 2,6 % gegenüber 4,6% bei den Juden war, während Körösi fand, daß 1886/90 grade das Gegenteil der Fall war, wie die folgenden Zahlen zeigen: ---- mn nnn i IUI JL V/ W \J\J\J Kinder unter 10 Jahren starben Diphtherie Croup Katholiken........ 559 265 Protestanten ....... 509 285 Juden .......... 345 215 Man kann nicht annehmen, daß 1863 die Juden in Budapest auf Grund irgendeiner Rasseneigenschaft empfänglicher für Diphtherie und Croup waren, und daß sich in 25 Jahren ihre Rasseneigenschaften so geändert hätten, daß sie eine relative Immunität gegen die Krankheit besitzen. Die verständliche Erklärung ist die, daß 1863 die Krankheit den Stadtteil mit größerer Stärke befiel, als 1886 bis 1890, wo die von Christen bewohnten Stadtteile mehr ergriffen wurden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.