Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1908)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1908)
- Article
- Die angebliche Rassen-Immunität der Juden
- Date
- 1908-12-01
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2650397-3187703-3187716-3192252--1972-3192283- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 182 vol. 67, p. 47.) In Nikolajew (Rußland) hatten, wie berichtet wird, die Juden gleichfalls während der Cholera-Epidemie einen niedrigeren Anteil an der Morbidität und Mortalität. Von den 75000 Einwohnern dieser Stadt waren ungefähr 15000 Juden, also ein Jude auf vier Nichtjuden. Unter diesen wurden von der Seuche ergriffen 756, und es starben 382, während unter den Juden nur 36 erkrankten und nur 13 starben. („Wratseh", Bd. 15, p. 115). Andererseits berichtete Dr. Baraznikoffin der Petersburger Medizinischen Gesellschaft, daß während der Epidemie von 1894 im Gouvernement Mohilew die Erkrankungsziffer der Juden größer und derKrankheitsverlauf viel schwerer war als unter den Christen; aber die Sterblichkeit war bei den Juden viel geringer. Er fügt hinzu, man müsse daran denken, daß die Juden dieser Gegend, obwohl im allgemeinen ärmer, doch intelligenter sind als ihre Nachbarn und auf ihre Gesundheit besser bedacht sind. Bei dieser Krankheit ist es wieder klar, daß nichts dergleichen wie eine Rassen-Immunität der Juden besteht. Die Unterschiede, die sie im Vergleich mit den Nichtjuden ihrer Umgebung zeigen, sind nur die Folgen sozialer Unterschiede, Ihre Enthaltsamkeit vom Alkoholmißbrauch läßt sie sehr oft der Infektion entgehen, da es wohlbekannt ist, daß die Cholera viel öfter Alkoholiker als Mäßige ergreift. Im Mittelalter, als die Juden in Ghettos eingeschlossen waren, mögen ansteckende Krankheiten oft nicht die Mauern ihrer Quartiere überstiegen haben, und sie blieben infolgedessen gänzlich frei von einer epidemischen Krankheit. Das ist eine plausible Erklärung. Aber seit sie sich im 19. Jahrhundert mit der übrigen Bevölkerung mischten, kann man sehen, daß sie denselben Infektionsmöglichkeiten unterworfen sind wie die übrige Bevölkerung, Tatsächlich sind sie oft schwerer ergriffen als ihre andersgläubigen Nachbarn. Wenn man aber bedenkt, daß sie besser auf ihre Gesundheit achten, daß sie an Infektion als Ursache gewisser Krankheiten glauben und leichter geeignete Vorsichtsmaßregeln gegen die Ausbreitung einer ansteckenden Krankheit ergreifen, während in Osteuropa die Armen und Unwissenden ansteckende Krankheiten oft als Werke der Vorsehung betrachten, kann man nur erwarten, daß die Juden während einer Epidemie weniger oft ergriffen werden, und daß die Prognose für die schon Befallenen viel günstiger ist als unter der christlichen Bauernbevölkerung in Rußland, Galizien und Rumänien. Ziemlich viel ist über das seltenere Vorkommen der in allen zivilisierten Ländern heimischen gewöhnlicheren Infektionskrankheiten bei den Juden geschrieben worden. Viele Autoren haben erwähnt, daß die ansteckenden Krankheiten des Kindesalters, wie Masern, Scharlach, Diphtherie, Keuchhusten, Blattern etc. entweder unter den Juden weniger verbreitet sind, oder daß sie während gewisser Pandemien ganz verschont geblieben sind. Bedenkt man die Armnt, die Uberfüllung in dunklen und schlechtgelüfteten Wohnungen und die ungesunde Umgebung, in der ein großer Teil der Juden lebt, so konnte diese ungewöhnliche Resistenz gegen die schädlichen Wirkungen der ansteckenden Krankheiten überraschen und nur einem inneren oder rassenhaften Charakter zugeschrieben werden, welcher dem Juden unter den Nationen Europas und Amerikas einen unschätzbaren Vorteil im Kampf um die Existenz gibt. Diese Anschauungen, die nicht auf wirkliche Tatsachen gegründet waren, herrschten, solange die Zeugnisse einzelner Ärzte über örtliche Verhältnisse vorlagen. Seit aber die Registrierung der ansteckenden Krankheiten in vielen Ländern, in denen Juden leben, in Angriff genommen ist, und seit die Feststellung der Todesursachen fast überall in Europa durchgeführt worden ist, haben die hierdurch gesammelten Daten bündig bewiesen, daß nichts derartiges wie eine Rassen- Immunität der Juden gegen irgend eine Krankheit besteht. Dei wichtigste Punkt, der aus der so gewonnenen offiziellen Statistik hervorgeht, ist der, daß die Juden gar keine Gleichmäßigkeit hierin zeigen, sondern daß starke