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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1908-12-01 · Heft 12 (Dezember 1908) · p. Seite 180

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
4 (1908)
Issue
Heft 12 (Dezember 1908)
Article
Die angebliche Rassen-Immunität der Juden
Date
1908-12-01
Page
Seite 180 (sequence 4)
Language
German
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180 — Bevölkerung verschont bleiben konnten, kann jeder Arzt leicht ermessen. Die medizinischen Schriftsteller des Mittelalters haben gewöhnlich den Faktor der Isolierung nicht in Betracht gezogen, wenn sie von der besonderen Immunität oder Disposition der Juden gegen epidemische Krankheiten sprachen, und ich will die meisten ihrer Berichte übergehen. Zur Illustration diene das Folgende: Haeser führt Ramazzini an zum Beweise, daß im Jahre 1693 die Juden schwer unter der Ruhrepidemie litten, während Degner sagt, daß sie 1736 während derselben Epidemie gänzlich verschont blieben. Eine Rassen- Immunität kann solche Schwankungen nicht darbieten. Es ist vielmehr nach unserem gegenwärtigen Wissen von der Entstehung dieser Krankheit leichter erklärt durch die Tatsache, daß die Juden in den Ghettos, die besondere Brunnen zu ihrer Wasserversorgung benutzten, leicht einer Epidemie entgehen konnten, wenn die Krankheit in einem andern Stadtteil wütete, und umgekehrt, Bestimmtere Angaben gibt es über die Bedingungen während des 19. Jahrhunderts, und diese will ich für meine Untersuchung der angeblichen Rassen-Immunität der Juden verwerten. Wir wollen mit dem Unterleibstyphus beginnen, einer Krankheit, die in fast allen europäischen Ländern, wo Juden leben, vorkommt. Es ist von vielen Autoren angegeben worden, daß die Juden eine auffallende Immunität gegen diese Krankheit zeigen. Cohn berichtet, daß von 1856—65 in Posen auf 1000 Todesfälle unter den Protestanten 9,96 an Typhus kamen, bei den Katholiken 9,4, bei den Juden nur 5,26. (Vierteljahresschrift für gerichtliche Medizin, 1869, p. 292.) Aber diese Immunität ist an anderen Orten nicht beobachtet. In den Vereinigten Staaten war nach dem Spezialbericht über die Vitalstatistik der Juden die Sterblichkeit an Typhus unter den Juden 27,64 auf 1000 Todesfälle überhaupt gegenüber 32,16 unter der Gesamtbevölkerung. Jedoch muß betont werden, daß die Juden in Städten leben, wo der Typhus weniger oft Todesursache ist als auf dem Lande, wo die Mehrheit der niehfc jüdischen Bevölkerung lebt. In Wien ist, wie Rosenfeld berichtet, kaum irgend ein Unterschied zwischen Juden und Christen in der Sterklichkeit dieser Krankheit. Die Zahlen für 1901—1903 waren: Juden 3, Protestanten 3 und Katholiken 4 auf 100000 der Bevölkerung. In Galizien ist, wie aus der Zusammenstellung T h o n5 s für Lemberg und Krakau hervorgeht, kaum irgendein Unterschied zwischen Juden und Christen. In Krakau waren für 1895 bis 1900 die Zahlen auf 10000 der Bevölkerung: Juden 28,1, Christen —; in Lemberg für 1897—1902: Juden 24,2 und Christen 30,6. In B u d a p e s t fand K ö r ö's i, daß in dem Zeitraum 1886—1890 die Juden begünstigt waren. Die Zahl der Todesfälle auf 100000 Personen über 10 Jahren war: Juden 46, Protestanten 61, Katholiken 66. Man muß indessen nicht vergessen, daß niedrige Sterblichkeit noch nicht immer niedrige Erkrankungsziffern bedeutet, Außer dem Faktor der örtlichen und zeitlichen Immunität, muß man sich ins Gedächtnis zurückrufen, daß die Prognose des Typhus günstiger ist für die Personen, welche nicht dem unmäßigen Genuß alkoholischer Getränke ergeben sind. Es ist ohne weiteres für jeden Arzt verständlich, daß die Juden im Mittelalter während vieler Typhusepidemien verschont bleiben konnten, aber nicht wegen irgendeiner physiologischen oder rassenhaften Eigentümlichkeit, sondern hauptsächlich weil sie abseits von der christlichen Bevölkerung lebten, abgetrennt in engen Ghettos, und was das wichtigste ist, gewöhnlich eine besondere Wasservorrichtung hatten. Während Epidemien dieser Krankheit konnte es oft geschehen, daß die Brunnen, die das Ghetto versorgten, nicht infiziert waren. Dergleichen ereignet sich oft in der heutigen Zeit, wenn die Bevölkerung eines Stadtteils unter einer Typhusepidemie leidet, während ein benachbarter Stadtteil, hauptsächlich wegen seiner getrennten Wasserversorgung, verschont bleibt. Die medizinische Literatur wimmelt noch mehr als im Falle des Typhus von Beispielen, | in denen die Juden während Epidemien der

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