Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1908)
- Issue
- Heft 11 (November 1908)
- Article
- Die Sterblichkeit der Juden in Budapest 1901 - 1905
- Date
- 1908-11-01
- Page
- Seite 167 (sequence 7)
- Language
- German
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167 — erörtert. Bei Erwachsenen ist das Entscheidende für den glücklichen oder unglücklichen Ausgang die Herzkraft; und grade hier hat der Alkohol einen großen Einfluß, indem für einen Trinker eine Lungenentzündung ein weit ernsteres Ereignis bedeutet als für einen Enthaltsamen. Hier seien noch einige Zahlen über die Infektionskrankheiten angefügt, über deren Vorkommen bei den Juden viele Fabeln verbreitet sind. Es starben auf 100000 der betreffenden Konfession: Krankheit Katho liken Juden Übrige Konf. Masern............ 45,1 21,4 37,4 Diphtherie u. Croup .... 33,7 16,5 24,7 Keuchhusten..... 9,2 5,6 7,6 Typhus ........ 11,5 7,6 13,1 Rose.......... 9,7 7,0 12,3 Blutvergiftung....... 12,2 9,2 10,6 Scharlach..... 48,8 40 9 45,2 Kindbettfieber........ 3,5 3,2 3,1 Influenza ..... 8,9 10.0 7,1 In den meisten Infektionskrankheiten sind also die Juden besser gestellt, bei Masern und Diphtherie sogar sehr erheblich, (vgl. auch Teil I, Abschnitt 3, Kindersterblichkeit), deutlich auch noch bei Keuchhusten, Typhus, Kose und Blutvergiftung. Bei Scharlach und Kindbettfieber sind die Unterschiede unerheblich, da dies wenig beeinflußbare Krankheiten sind. Nur bei der Influenza haben die Juden mehr Todesfälle als die Nichtjuden — begreiflicherweise, da Influenza mit tötlichem Ausgang nieist bei alten Leuten vorkommt. Schließlich sei anhangsweise auch noch der Selbstmord erwähnt, den wir sonst nicht in unsere Feststellungen einbezogen haben. Auf 100000 Juden kommen 21,1 Selbstmorde gegen 28,8 und 38,5 bei den Nichtjuden. Diese Selbstmordziffer der Juden muß als außerordentlich gering bezeichnet v/erden, wenn man erwägt, daß nach unserem Material die geistigen Berufe dreimal, die Handeltreibenden 31/2 Mal so viel Selbstmorde aufweisen als die körperlich Arbeitenden, ferner daß unter den Juden die Männer, die den größten Teil der Selbstmörder stellen, an Zahl die Frauen übertreffen. Für die körperlich Arbeitenden ist die Selbstmordziffer 14,1, für die geistigen Berufe 43,3, für den Handel sogar 49,5 auf Tausend. Der Jude hat also fa_t die Lebensbejahung des Tagelöhners, trotz der Gemütserschütterungen des Kaufmanns und des verwickelten Seelenlebens der Kopfarbeiter. Ergebnisse. Alle von uns erhobenen Befunde in der Sterblichkeit der Juden haben natürlich nichts mit der Konfession zu tun. Sie können soziale oder rassenbiologische Ursachen haben. Wenn man bisher vorwiegend den Begriff der rassenhaften Veranlagung betont hat, so geschah das aus mangelhafter Kenntnis der Tatsachen. Aus unserer Unters uchu n g h a t sich kaum eine einzige Tatsache ergeben, die nur durch eine besondere Rassenanlage zu erklären wäre. Betrachtet man aber die Sterblichkeit der Juden als gegebenes Ganze ohne Rücksicht auf die wirkenden Ursachen, so ergeben sich höchst auffallende Abweichungen gegen die übrige Bevölkerung. Die Gesamtsterblichkeit der Juden ist um ein volles Drittel niedriger. Dieses günstige Ergebnis wird vor allem erreicht durch die erstaunlich geringe Kindersterblichkeit, die nur die Hälfte der sonst geltenden Ziffer ausmacht. Nicht eine größere Lebenszähigkeit der jüdischen Kinder, sondern sorgsamere Pflege ist der Grund dieser Bevorzugung der Juden. Bei den Juden liegt daher die größte Sterblichkeit im Greisenalter, während sie geringere Verluste an Kindern und jüngeren Erwachsenen haben. Das Maximum für die Sterblichkeit der Erwachsenen liegt bei den Juden zwischen dem 60. und 70, Jahr, bei den Nichtjuden zwischen dem 40. und 50. Jahr. Die jüdische Männersterblichkeit folgt hierbei dem Frauentypus. Die Juden haben weniger Totgeburten; sie haben auch weniger FehL geburten, doch gelangen diese bei ihnen weit