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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1908-11-01 · Heft 11 (November 1908) · p. Seite 164

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
4 (1908)
Issue
Heft 11 (November 1908)
Article
Die Sterblichkeit der Juden in Budapest 1901 - 1905
Date
1908-11-01
Page
Seite 164 (sequence 4)
Language
German
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— 164 — haben, wird durch diese einwandfreien Zahlen stark erschüttert Wir wollen jedoch diesem sehr wichtigen Problem noch im einzelnen nachgeben. 2. Die Sterblichkeit an einzelnen Krankheiten.4 Es starben auf 100000 Einwohner der betreffenden Konfession: Katholiken Juden übrige Konf, Gehirnerweichung (Paralyse) 41,8 48,5 57,4 Angeborene Syphilis . . 15,4 4,6 16,6 Krebse (ohne Gebärmutter-Krebs) 73,7 66,2 66,4 Gebärmutterkrebs...... 24,0 8,6 26,0 Altersschwäche....... 76,5 76,1 64,0 Schlaganfall......... 41,7 35,2 45,2 Arterienverkalkung..... 33,0 32,4 25,7 Lungentuberkulose..... 441,5 200,6 392,4 Lungenentzündung ..... 176,9 89,1 145,4 Leberschrumpfung (Cirrhose) 13,0 5,4 14,4 Nierenentzündung...... 55,2 37,2 53,3 Selbstmord.......... 28,8 21,1 38,5 5,9 21,4 7,2 Um zu zeigen, wie verschlungen der Weg zum Verständnis scheinbar einfacher Zahlen sein kann, wählen wir das interessante Beispiel der Gehirnerweichung (Paralyse). Die Paralyse gehört zu den wenigen Krankheiten, bei denen die Juden eine höhere Sterblichkeit aufweisen als die Katholiken. Wir wissen nun heute, daß in den meisten, vielleicht in allen Fällen, der Paralyse eine Syphilis vorangegangen ist. Wenn man aber hieraus in unserem Falle eine stärkere Durchseuchung der Juden mit Syphilis folgern würde, wäre das ein Fehlschluß. Denn einen ausgezeichneten Gradmesser für die sonst nicht feststellbare Verbreitung der Syphilis liefern die Todesfälle an angeborener Syphilis, und von diesen entfallen auf 100000 Juden nur 4,6, *) Da Diabetes als Todesursache erst seit 1902 gesondert ausgewiesen ist, standen mir nur 290 Todesfälle an Diabetes zur Verfügung, eine etwas kleine Zahl. Der großen Liebenswürdigkeit des Herrn Dr* Gustav Thirring, Direktors des statistischen Bureaus der Stadt Budapest, verdanke ich die noch nicht zugänglichen Zahlen für 1906 und 1907, die im wesentlichen dasselbe Bild ergeben. Im ganzen verfüge ich demnach jetzt über 487 Diabetesfälle, von denen die Juden allein 238, d. h. die Hälfte, stellen! dagegen auf 100000 Nichtjuden 15,4 bezw. 16,6, also die drei- bis vierfache Anzahl. Die hohe Paralyse-Ziffer der Juden muß demnach anders bedingt sein. Unsere Gegenüberstellung ist eine starke Stütze für die Lehre, daß die Paralyse nicht alle syphilitischen Gehirne unterschiedslos, sondern besonders disponierte stärker befällt. Zu diesen disponierten gehören die Juden in höherem Grade. Aber diese Disposition ist keine nebelhafte „Rassendisposition", oder gar eine „Entartungserscheinung", als die sie oft genug angesprochen worden ist. Wir können vielmehr sehr reale, naheliegende Umstände zur ausreichenden Erklärung heranziehen: die soziale Schichtung der Juden in Budapest. Die Juden gehören nämlich hier zum großen Teil den Handeltreibenden an und sind sehr stark in den geistigen Berufen vertreten. Es stirbt nun nach unserer Statistik von den gestorbenen körperlichen Arbeitern jeder 50. an Paralyse, von den geistigen Arbeitern dagegen jeder 10., von den Handeltreibenden jeder 13. *) Diese gewaltigen Unterschiede genügen vollkommen, um trotz wahrscheinlich geringerer Verbreitung der Syphilis unter den Juden diesen ihre hohe Paralyseziffer zu verschaffen, ohne daß wir undefinierbare Rasseneigenschaften oder Entartungszustände anzunehmen brauchten.2) Anders scheinen die Dinge beim Diabetes der Juden zu liegen, über den schon sehr viel geschrieben worden ist. Die Angaben, daß diese Krankheit unter den Juden auffallend staik verbreitet sei, waren meist recht schwach gestützt. Sie beruhten fast alle auf den Angaben einzelner hervorragender Ärzte, die naturgemäß von den auf ihre Gesundheit sorgfältig achtenden und besser situierten Juden relativ sehr viel häufiger konsultiert y/urden. Ein geflügeltes Wort sagt sehr treffend: Wenn der Nichtjude viel Durst hat, *) Auf 1000 Gestorbene der betreffenden Berufe starben an Paralyse: Arbeiter 20,3, Handeltreibende 77,5, geistige Arbeiter 94,6! 2) Für eine entsprechende Untersuchung der Tabes (Rückenmarkschwindsucht) sind die Zahlen noch zu klein.

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