Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1908)
- Issue
- Heft 11 (November 1908)
- Article
- Die Sterblichkeit der Juden in Budapest 1901 - 1905
- Date
- 1908-11-01
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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_ 163 — Diese Tabelle liefert den Schlüssel zu der vorhergehenden. Am klarsten ist die Situation bei den Krankheiten der Verdauungsorgane. Hier ist es eine einzige Krankheit, die das günstigere Ergebnis für die Juden bedingt, der Darmkatarrh der Kinder. Schalten wir ihn aus, so starben an Krankheiten der Verdauungsorgane von 100 Gestorbenen der betreffenden Konfession- Kath. 3,2, Juden 4,5, Übrig. Konf. 3,7. Das Minus der Juden wird zum Plus. Es sterben weiterhin relativ mehr Juden an Krankheiten der Kreislaufs- und der Harnorgane, welche typische Erkrankungen des höheren Lebensalters sind. Die Konstitutionskrankheiten zeigen zwei Maxima. Das erste im frühesten Kindesalter wird durch die angeborene Lebensschwäche hervorgerufen, die bei Juden, wie wir im Abschnitt „Kindersterblichkeit" zeigten, ein häufiges Gebrechen ist. Da das zweite Maximum im höheren Lebensalter liegt, ist es natürlich, daß die Juden eine hohe Ziffer in den gesamten Konstitutionskrankheiten erreichen. Bei den Krankheiten der Atmungsorgane spricht nicht nur die Hauptbeteiligung jüngerer Altersklassen zugunsten der Juden mit, sondern vor allem auch das soziale Milieu, das eben hier die geringe Totenziffer der Juden bedingt. — Gegen unsere Erklärung scheinen nur die Nervenkrankheiten zu sprechen. Denn hier zählen die Juden relativ mehr Tote, obwohl diese hauptsächlich dem Kindesalter angehören. Aber man bedenke, daß die Nervenkrankheiten des Kindesalters, die hier m Frage kommen, fast äbsolut tötliche Erkrankungen sind (Hirnhautentzündung!), die alle Unterschiede der Konfession, des sozialen Milieus, der Pflege brutal und unbarmherzig verwischen. Ein endgiltig zutreffendes Bild von der Sterblichkeit der Juden erhalten wir erst, wenn wir die Zahlen in Beziehung setzen zur Zahl der Angehörigen der einzelnen Konfessionen* Auf 10000 Einwohner der betreffenden Konfession kamen im Durchschnitt des Jahrfünfts Gestorbene: An Krankheiten Katho liken juden Öbrige Konf. Nervensystem ........ 22,42 16,31 22,09 Kreislaufsorgane...... 22,93 18,86 20,13 Atmungsorgane....... 78,25 37,33 67,91 Verdauungsorgane ...... 25,24 12,96 22,85 Harnu. Geschlechtsorgane 7,05 5,75 6,73 Konstitutionskrankheiten . . 38,13 29,66 35,50 Infektionskrankheiten .... 20,20 13,07 18,21 Diese Zusammenstellung liefert uns direkt vergleichbare Werte. Und sie zeigt uns als wichtigste Tatsache: An keiner Gruppe der Todesursachen sind die Juden stärker beteiligt als die Nichtjuden. In einigen Krankheitsgruppen nähert sich ihre Ziffer den nichtjüdischen Zahlen, so bei den Erkrankungen der Harnorgane und der Kreis! auf sorgäne. In andern aber zeigen die Juden eine ungeheure Bevorzugung, besonders vor den Katholiken, während die „übrigen Konfessionen" durchweg zwischen beiden, aber näher den Katholiken, stehen. An Krankheiten der Atmungsorgane sterben noch nicht halb so viel Juden wie Katholiken, und das ist, wie wir noch sehen wrerden, nicht nur durch die geringere Sterblichkeit an Schwindsucht zu erklären. Ein ähnliches Verhältnis besteht für die Erkrankungen der Verdauungsorgane, wenn wir den Darmkatarrh der Säuglinge hineinbeziehen. Lassen wir ihn aber fort, so werden die Zahlen fast vollkommen genähert: 6,96 bezw. 6,21 bezw. 7,38. Durch Infektionskrankheiten verlieren die Juden nur zwei Drittel so viel Menschen wie die Katholiken (die wichtigsten Gründe dieser Erscheinung sind bei der Kindersterblichkeit bereits erörtert), durch Konstitutionskrankheiten nur drei Viertel, obwohl sie hier in den Relativzahlen so stark belastet erschienen. Selbst bei den Nervenkrankheiten zeigen die Juden ein erhebliches Minus. Das Bild ist demnach ein wesentlich anderes, als es nochRuppin 1903 zeichnete, der bei der Relativverteilung der einzelnen Gruppen auf 100Tote stehen blieb. Der alte Glaube, daß die Juden für bestimmte Krankheitsgruppen eine besonders starke Disposition