Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1908)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1908)
- Article
- Die Mischehe
- Date
- 1908-02-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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— 19 — den Satzungen ging von der großen französischen Revolution aus und verbreitete sich langsam von Land zu Land, nach Holland, Belgien, Dänemark und Skandinavien, England und den Vereinigten Staaten, begünstigt von dem Umstände, daß die Eheschließung in diesen Ländern aus einem kirchlichen zu einem staatlichen Akt umgestaltet wurde. In einem Roman von EL E, Pranzos, der im Anfang des 19. Jahrhunderts in Galizien spielt, wird die Lösung des Konfliks, daß ein christlicher Edelmann eine Jüdin liebt und sie gesetzlich nicht heiraten kann, dadurch herbeigeführt, daß gerade damals zuerst in einem kleinen deutschen Bundesstaate die Eheschließung zwischen Christen und Juden erlaubt wurde. Durch das Reichsgesetz vom 6. Februar 1875, das die Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses unter den Ehehin der ungsgründen nicht nennt, ist die Ehe zwischen Christen und Juden in allen deutschen Bundesstaaten, auch soweit sie nicht selbst schon die Ehe gesetzlich gestattet hatten, zulässig geworden. In Ungarn ist die Mischehe erst seit dem Jahre 1895 gesetzlich zugelassen; ebenso ist sie in den christlichen Balkanstaaten erlaubt, dagegen in Österreich, Rußland, Spanien, Portugal und den mohamedanischen Ländern noch heute verboten. Den besten Boden für die Mischehe bilden diejenigen Länder, in denen die Juden seit längerer Zeit ansässig und zu Wohlstand gelangt sind, in denen aber ihre Zahl so gering ist, daß ihr Aufsteigen in die höheren Klassen für die Christen kein Ärgernis bildet und keinen Antisemitismus auslöst. In die Reihe dieser Länder gehören heute Dänemark, Italien und Australien. Die dänischen Juden leben zu 81 % in Kopenhagen. In dieser Stadt sind von 1880 bis 1905 neben 395 rein jüdischen Ehen 272 Mischehen geschlossen worden, d. h. die Mischehen machten 68,9 % der rein jüdischen Ehen aus. Die Mischehen zeigen eine Tendenz zur Zunahme, die reinen Ehen zur Abnahme. Die Mischehen betrugen 1880—1889 90=55,8 % der 161 rein jüd. Ehen, 1890—1899 101=68,77 » 147 » » 1900—1905 81=82,9 „ „ 87 „ „ Bei der Volkszählung von 1906 befanden sich in Kopenhagen unter den bestehenden Ehen (die kinderlosen Ehen sind hierbei nicht berücksichtigt) 326 rein jüdische Ehen und 159 Mischehen. Aus den australischen Staaten liegen auf Grund der Volkszählung von 1901 einige Daten vor. Danach gab es im jüdische Staate Ehen Westaustralien 157 Neu-Südwales 781 Mischehen mit jüd. Mann mit jüd. Frau 39 23 252 108 sodaß die bestehenden Mischehen in Westaustralien 39,4%, in Neu-Südwales 46% der bestehenden rein jüdischen Ehen betrugen. Für Italien sind neuere Daten nicht vorhanden. Daß die Mischehen dort sehr häufig sind, ist indessen die übereinstimmende Aussage vieler Beobachter. Im Jahre 1881 gab es in der Provinz Rovigo 41 rein jüdische Ehen, 10 Mischehen mit jüdischem Mann und 4 Mischehen mit jüdischer Frau. Das ergibt für die Mischehen einen Prozentsatz von 34,1 der rein jüdischen Ehen. In Triest, das politisch zu Österreich gehört, kulturell aber stark nach Italien gravitiert, wurden geschlossen insgesamt rein Ehen zw. Juden u. in 0/ d rein jüdische Konfessionslosen * Ehen in absolut, tarnen 1877-1890 138 46 33,3 1891—1895 122 47 38,5 1896—1899 137 57 41,6 1900—1903 106 65 61,4 In England und Frankreich war die Mischehe bis vor 10 oder 20 Jahren sehr häufig. Damals waren die Juden gering an Zahl und gehörten den wohlhabendsten Schichten der Bevölkerung an. Seitdem ist die Zahl der Juden in den beiden Ländern durch die Einwanderung von armen Juden aus Osteuropa stark gestiegen. Unter diesen eingewanderten Juden ist die Mischehe bisher noch sehr selten, sie ist auf die alteinge-