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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1911-10-01 · Heft 10 (Oktober 1911) · p. Seite 139

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
7 (1911)
Issue
Heft 10 (Oktober 1911)
Article
Das Verhalten der Juden gegen ansteckende Krankheiten
Date
1911-10-01
Page
Seite 139 (sequence 3)
Language
German
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— 139 — Stadt bezieht, das höchste Interesse erwecken j muß, umsomehr als es sich um Zahlen handelt, \ die unter besseren kulturellen Verhältnissen j kaum ein ganzer Staat aufweisen wird. j Bevor wir aber zum eigentlichen Thema j übergehen, wird es wohl hier am Platze sein \ mit einigen Worten die Art und Weise, wie j das sanitäts-statistische Material hei uns ge-; sammelt wird, zu charakterisieren. Eine An- | zeigepfücht der ansteckenden Krankheiten j existiert eigentlich nicht, ebenso ist kein selbstj ständig statistisches Amt vorhanden. Das ganze j Unternehmen ist in der Hauptsache ein Aus-! fluß der freiwilligen Tätigkeit der praktischen j Ärzte sowie des guten Übereinkommens, das | zwischen ihnen und dem städtischen Sanitätsj arzt herrscht. Letzterer stellt allen Ärzten! i Karten zu, die von ihnen ausgefüllt und von der Post unentgeltlich zurückbefördert werden. Dieser freiwillige Dienst ward aber von zwei mächtigen Faktoren in der unangenehmsten Weise durchkreuzt. Erstens bringt es die Unkultur der Bevölkerung mit sich, daß viele ansteckende Kranke aus den verschiedensten Gründen, z. B. um den Schulbesuch der gesunden Kinder nicht abzuschneiden oder um eine Wohnungsdesinfektion zu vermeiden, verheimlicht werden, was in den leicht verlaufenden Fällen sehr gut gelingt. Zweitens ist es die materielle Unzulänglichkeit eines g'roßen Teils der Bevölkerung, die der Hinzuziehung eines Arztes nicht selten im Wege steht. Dabei ist zu berücksichtigen, daß bis vor kurzem für die ganze einen großen Flächenraum einnehmende Stadt nur ein Armenarzt angestellt war. Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, daß Epidemien sich hier schnell verbreiten und. einmal aufgetreten, sich leicht einnisten und nicht verschwinden wollen. Erst wenn eine Epidemie größere Schichten ergriffen hat und nicht mehr leicht zu bekämpfen ist, dann wird von der Stadtverwaltung alles aufgeboten, um der Seuche Herr zu werden, so Isolierbaracken gebaut, Ärzte und Ambulanzen der Bevölkerung unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Es ist deshalb anzunehmen, daß zur Zeit größerer Epidemien die Zahl derjenigen, die der statistischen Feststellung entgehen, eine geringere ist als sonst. Zur Ehre der jüdischen Bevölkerung muß hier konstatiert werden, daß sie gerne von ärztlicher Hilfe Gebrauch macht, auch wenn es mit Opfern an Geld und Zeit verbunden ist. Eher verdient sie Vorwürfe für die nicht seltene Übertreibung in dieser Beziehung. Schon aus diesem Grunde ist ein Fall von Verheimlichung unter Juden eine höchste Seltenheit, denn es ist anzunehmen, daß jeder Kranke, der in ärztliche Hilfe geriet, auch angemeldet wird, mit Ausnahme der evetl. seltenen Fälle, wo die Meldung aus Vergeßlichkeit oder Unentschiedenheit in der Diagnose ausbleibt. Besser, wenn auch nicht ganz korrekt, steht es mit der Mortalitätsstatistik. Über jede Beerdigung muß dem Stadtphysikus ein vom Arzte oder vom Geistlichen ausgestellter Schein mit Angabe der Todesursache zugestellt werden. Nun ist ja die Irreführung der Geistlichen leicht möglich und kommt evetl. auch vor, was bei der christlichen Mortalität in Betracht zu ziehen ist, da die Eabbiner ohne ärztlichen Schein die Beerdigung nicht gestatten. Die jüdische Statistik ist somit auch in dieser Beziehung zuverlässiger als die christliche. Aus leicht verständlichen Gründen ist bei den Christen infolge der Verheimlichung oder der ungenügenden ärztlichen Hilfe eher eine Verminderung als eine Vermehrung der Todesfälle an ansteckenden Krankheiten zu erwarten. Wir müssen somit zum beklagenswerten Schluß kommen, daß das Material unserer Statistik nicht ganz zuverlässig ist und es erscheinen berechtigte Zweifel, ob solche Daten überhaupt bearbeitungswert und inwiefern die erzielten Resultate bindend sind. Dagegen ist aber einzuwenden, daß die jüdischen Krankheitsfälle, wie ich gezeigt habe, statistisch gut ausgenutzt werden. Was aber die christlichen Defekte anbelangt, so werden sie sich, wie wir später sehen werden, mit gewisser Sicherheit korrigieren lassen.

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