Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 7 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- Das Verhalten der Juden gegen ansteckende Krankheiten
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 138 — steckenden Krankheiten gegenüber immun verhalten. Nun deckt sich ja nicht Schmutz mit Immunität, indem der Schmutz seit jeher als Brutstätte aller Krankheiten betrachtet wurde. Der Jude scheint somit nach besonderen physischen Gesetzen zu leben, für ihn gilt eben überall und immer ein anderer Maßstab. Im Mittelalter hatten die Juden ihre vermeintliche Immunität nicht selten schwer zu büßen. Es läßt sich jetzt nicht feststellen, ob sie wirklich während der verschiedenen Epidemien mehr verschont blieben. Anstatt aber ihnen dies gutzuschreiben, wurden sie während des schwarzen Todes der Brunnenvergiftung verdächtigt und in Massen umgebracht. Was der Tod vielleicht verschont hatte, das kam von Menschenhand um. Die geringere Ansteckungsfähigkeit der Juden ist fast zum Dogma geworden, obgleich sich manches dagegen anführen läßt, was schon Fishberg in dieser Zeitschrift (1908, S. 177) teilweise getan hat. Jedenfalls ist das vorliegende höchst lückenhafte, ungenau beobachtete und meistens veraltete Material ungenügend, um zu bindenden Schlüssen zu gelangen. Wenn sich auch ein verschiedenes Verhalten der Juden und Andersgläubigen zu Epidemiezeiten nicht leugnen läßt, so sind doch die Ursachen dafür noch gänzlich unaufgeklärt, denn die vermeintliche Rassenveranlagung steht mit der Brunnenvergiftung auf gleichem wissenschaftlichem Niveau. Das lächerlichste dabei ist, daß die Juden nach landläufiger Meinung eigentlich eine geistigminderwertige und physisch herabgekommene Rasse darstellen sollen, was sie andererseits nicht verhindern soll, eine bewundernswerte Immunität zu besitzen, zu der die Arier trotz ihres größten Verlangens sich noch nicht emporgearbeitet haben. Aber, wie gesagt, Widersprüche gelten im jüdischen Problem nichts, indem man sich selten die Mühe gibt, nach reifer Überlegung und nach bestem Gutdünken zu urteilen, sondern man tut meistens, wie es eben paßt. Um aber zu sicheren Resultaten, die nicht nur von wissenschaftlichem sondern für uns Juden auch von hohem praktischen Interesse sind, zu gelangen, ist ein Aufstapeln von gut gesichtetem aus verschiedenen Ländern stammendem Material eine unablässige Forderung. Dabei sollen aber Untersuchungen über ganze Länder mit solchen über eng beschränkteGebiete Hand in Hand gehen, indem die Lage und die Lebensverhältnisse der Juden nicht nur von Land zu Land sondern häufig von Stadt zu Stadt verschieden sind. In letzter Zeit ist gerade auf dem Gebiete der Pathologie der Juden manch schöne Arbeit erschienen. Ich möchte speziell auf die Abhandlungen von Auerbach über die Budapester Juden (diese Zeitschrift, 1908) und die vonRosenfeld (Arch. für Rassen- und Gesellschaftsbiologie, 1907) über die Weener Juden hinweisen. Ich habe in dieser Zeitschrift (1909, S. 90) über eine Arbeit von Dolgopol1) über den Gesundheitszustand der Juden in Odessa ausführlich berichtet und möchte jetzt das dort schon angekündigte Material, das meinen Tätigkeitsort Elisabethgrad berührt, veröffentlichen. Wie wohl in jeder von Gott mit Schmutz und anderen nicht minder herrlichen Gaben gesegneten russischen Stadt, so herrschen auch in Elisabethgrad jahraus jahrein größere Endemien, indem Typhus, Masern, Scharlach, Diphtheritis und noch ein paar andere Krankheiten zu den gewöhnlichsten Erscheinungen gehören und jährlich unzählige Opfer verlangen. Der unglückliche russisch-japanische Krieg und die mit ihm in Verbindung stehende Revolution brachten als Folge ihrer Wirren und Schrecken auch noch andere unheimlichen Gäste, wie Pocken, Flecktyphus, Rückfalltyphus und Cholera ins Land überhaupt und nach Elisabethgrad im speziellen. Wir waren somit die zweifellos Glücklichen, die in einer verhältnißmäßig kurzen Spanne Zeit fast alle ansteckenden Krankheiten, jedenfalls die schrecklichsten von ihnen, mit erlebt haben, und glaube ich, daß eine solche Beobachtung, die sich noch dazu auf eine einzige kleinere x) Jüdische medizinische Stimme, 1909. Odessa, russisch.