Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 7 (1911)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1911)
- Article
- Die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in Deutschland
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
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— 84 — steigt der Anteil der jüdischen Erwerbstätigen in der Industrie. Erheblich ist seit 1882 der Prozentsatz der in den Abteilungen E und F Beschäftigten gewachsen, während die Landwärtschaft als Erwerbsquelle für die bayerischen Juden immer weniger in Betracht kommt. Noch im Jahre 1882 wraren von 100 erwerbstätigen bayerischen Juden nahezu 10 in der Landwirtschaft beschäftigt; wie wir aber am Schlüsse des ersten Kapitels gezeigt haben, konzentriert sich die bayerische Judenheit immer mehr in den Städten, und aus diesem Grunde spielt die Landwirtschaft in ihrem Erwerbsleben keine nennenswerte Rolle mehr. Das Resultat unserer bisherigen Untersuchung ist demnach folgendes: Die deutschen Juden finden zwar nach wie vor in erster Linie durch den Handel ihren Unterhalt; der Zug zur Industrie und den freien Berufen wird aber auch bei ihnen in den letzten Jahren immer mächtiger. Diese Erscheinung, für welche wir ziffernmäßige Beweise erbracht haben, steht in hellem Widerspruch mit der von judenfeindlicher Seite allerorts und allerzeit aufgestellten Behauptung, die Juden seien ein Schachervolk und besäßen einen ausgeprägten Handelsgeist. Wenn sie wirklich nur einen „ausgeprägten Handelsgeist" besäßen, so läge angesichts der hohen Bedeutung, die heute dem Handel sowohl als Binnenwie vorzugsweise als Welthandel zukommt, nichts näher als ein möglichst restloses Aufgehen in diesem Berufszweige. Wir sehen aber im Gegenteil bei den deutschen Juden das Bestreben, aus diesem Berufszweige herauszukommen und mit an der Spitze der Armee zu marschieren, welche die Industrie erobert. In zutreffender Weise weist schon Artur Ruppin in seinem Buche: „Die Juden der Gegenwart" und neuerdings Werner Sombart in dem Werke: „Die Juden und das Wirtschaftsleben" darauf hin, daß es einen spezifischen jüdischen Handelsgeist gar nicht gebe, sondern daß der Jude „überragende Geistigkeit, Zweckbedachtheit, Zielstrebigkeit, Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit" besitze, Eigenschaften, die ihn ganz besonders zum Unternehmer geeignet machen aber auch befähigen, in anderen Berufen, wo diese Eigenschaften von nöten sind, so namentlich in den freien Berufen, vorwärts zu kommen. Der deutsche Jude hat den modernen Zug, der in der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands zum Ausdrucke kommt, frühzeitig erkannt, ist ihm willig gefolgt und nimmt in immer stärkerem Maße Anteil an der industriellen Blüte Deutschlands. An sich ist auf den ersten Blick das verhältnismäßig rasche Sinken der Handelsbetätigung unter den Juden sogar etwas sonderbar, zumal doch gerade jetzt der Handel so sehr an Macht gewinnt. Einem aufmerksamen Beobachter der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands kann aber der Grund für diese seltsame Erscheinung nicht verborgen bleiben. Zunächst strömt von Jahr zu Jahr eine immer größere Masse von bisher landwirtschaftlich tätigen Personen aus der Gesamtbevölkerung in diese Berufsschicht hinein, verschärft die Konkurrenz und läßt die Gewinnchancen sinken. Dazu kommt, daß der Antisemitismus sich mehr und mehr aus einem Rassenantisemitismus zu einem wirtschaftliehen Antisemitismus entwickelt — man denke an den Deutsch-nationalen Handlungsgehilfen- Verband — und namentlich im Handel sich fühlbar macht. Er ist in erster Linie gegen den jungen vorwärts strebenden jüdischen Kaufmann gerichtet, dem gar oft hierdurch die Liebe zum Handelsstande verloren geht. Endlich ist zu berücksichtigen, daß ein Teil der Kaufleute, deren wirtschaftliche Funktion ja die Vermittlung zwischen Produzenten und Konsumenten darstellt5zurProduzententätigkeit selbst übergegangen ist. — Wir haben bisher nur die Erwerbstätigen im Hauptberufe zum Gegenstand unserer Betrachtung gemacht und ihre nebenberufliche Tätigkeit gänzlich außer acht gelassen. Ein vollständiges Bild von dem Wirtschaftsgetriebe, insbesondere von dem Ineinandergreifen der einzelnen Berufe erlangen wir nur, wenn wir auch dieNebenberufeberücksichtigen. Pur die Gesamtbevölkerung läßt sich eine