Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 7 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Immigration - Arbeiterkonkurrenz - Arbeitsprotektionismus
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 74 (sequence 10)
- Language
- German
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— 74 — und in der letzten Zeit auch in Amerika. Denn zwischen den ostjüdischen Emigranten bilden diejenigen, die über eine Barsumme von etwa 50 Dollars verfügen, keineswegs die Regel. Mit besonderer Vehemenz aber richtet sich die arbeitsprotektionistische Gesetzgebung gegen Immigranten der farbigen, insbesondere der asiatischen Rassen. Daß hier in erster Reihe nicht die ethnischen Unterschiede als solche in Betracht kommen, sondern nur als ein den wirtschaftlichen Konkurrenzkampf verschärfendes und ihn in bestimmte Rahmen einschließendes Moment, haben wir bereits gesehen. Und darin eben liegt die größte Gefahr dieser einschränkenden Maßregel für alle einwandernden Arbeitermassen. Heute bildet die Rasse die Demarkationslinie im Konkurrenzkampf, morgen, bei verschärften wirtschaftlichen Verhältnissen, kann es die Nationalität sein. Heute kämpft die Arbeiterschaft für ein „weißes Australien," „weißes Kanada" und „weißes Afrika," morgen kann sie, wenn es ihren unmittelbaren Interessen entsprechen wird, in den Ruf: „Amerika für Amerikaner." „England für die Engländer" etc. einstimmen. Daß dieser Weg ein ungemein schiefer ist und daß er speziell für die jüdische Einwanderung nicht zu unterschätzende Gefahren in sich birgt, beweist ein bezeichnender Vorfall aus aller jüngst er Zeit. Vor wenigen Monaten ließ das judenfeindliche kanadische Einwanderungsamt in die Presse die Nachricht lanzieren, die jüdischenlmmigranten,ganz gleich aus welchem Lande sie auch kommen, werden von nun an als „Asiaten" betrachtet werden, sodaß auch sie sich über den Besitz von 200 Dollar werden ausweisen müssen.1) Der energische Protest der ortsansässigen jüdischen Bevölkerung hat diesmal die Durchführung dieser drakonischen Maßnahme verhindert. Jedenfalls ein warnendes Symptom! Man pflegt die Ausschließung fremder Rassen durch ihr niedriges Lebensniveau und i) S. „Der frajnd\ Warschau v. 6./IX. 1910, ihre geringeren Lohnansprüche zu begründen. Vom Gesichtspunkte der Interessen der einheimischen Arbeiterschaft — mit Recht. Aber auch in dieser Begründung offenbart sich die latente Gefahr dieser Maßnahme für sämtliche Einwanderer, auch für die weißen. So hat treffend Spargo auf dem Chicagoer Arbeiterkongreß ausgeführt: „Wenn das Verlangen nach Ausschließung der Chinesen und Japaner damit begründet wird, daß ihre Lohnansprüche geringer sind als die der amerikanischen Arbeiter, so gilt derselbe Einwand gegenüber den Juden und Italienern."1) Nicht minder bedenklich sind vom Standpunkte der Interessen der jüdischen Einwanderung die indirekten Wirkungen des Ausschlusses bestimmter ethnischer Gruppen. Erscheint diese Einschränkung einerseits als Resultat der ökonomischen Konkurrenzverhältnisse, so bildet sie andererseits selbst wieder die Quelle von sozial-psychologischen Vorurteilen und Anschauungen, die den Konkurrenzkampf wiederum verschärfen, indem sie unter anderem in der Psychik der einheimischen Arbeiter die Überzeugung der Notwendigkeit und der Berechtigung einer sozusagen „ethnischen Gradation" in der Arbeitsteilung hervorruft und befestigt. Es entwickelt sich nämlich in derartigen Verhältnissen z. B. bei den Weißen die Überzeugung, daß die Schwarzen eine Arbeit verrichten müssen, die unter der Würde der Weißen ist. 2) Daß derartige kollektiv - psychologische Wirkungen bei den Rassenunterschieden nicht Halt machen, beweisen uns unzweideutig die Konkurrenzverhältnisse im jüdischen Ansiedlungsrayon Rußlands. Die traurige Tatsache, daß die jüdische Arbeiterschaft die untersten Stufen in der Wirtschafts- und Industrie - Skala des Landes einnimmt und 2) S. S. Katayama: „Japanisch'amerikanische Probleme/ Neue Zeit 1910, p. 738 f. 2) Vgl. L. Ha ton Guest. Der Kampf zwischen der weißen ^asse und der ttegerrasse. Dokumente des Fortschritts 1908. tto. 3, p. 373 ff.