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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 69

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
7 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Article
Immigration - Arbeiterkonkurrenz - Arbeitsprotektionismus
Date
1911-05-01
Page
Seite 69 (sequence 5)
Language
German
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— 69 — einer anderen Nation oder gar Rasse, so müssen diese Kämpfe noch intensivere und schärfere Formen annehmen. Die hinzukommenden ethnischen und kulturellen Unterschiede schließen oft die Überwindung der sozial - wirtschaftlichen Konflikte durch das Solidaritätsbewußtsein gänzlich aus. Hier ist der Schlüssel jener arbeitsprotektionistischen Sozialpolitik der öffentlichrechtlichen und privatgesellschaftlichen Institutionen und Vereinigungen zu suchen, die die fremden Arbeitskräfte nach Möglichkeit überhaupt fernzuhalten und jedenfalls den heimischen Arbeitern den Vorrang vor den zugewanderten zu sichern suchen. Nun ist dieser Arbeitsprotektiomsmus für die ferneren Perspektiven der jüdischen Immigration von größter Bedeutung. Denn tatsächlich wird seine schärftste Spitze in immer steigendem Maße sich grade gegen die jüdischen Immigranten wenden müssen. Das liegt in der Eigenart der jüdischen Auswanderung begründet. Die allgemein-proletarischen Wanderungen sind in erster Linie eine Begleiterscheinung des Überganges der wirtschaftlich relativ rückständigen, vornehmlich agrarischen Ostländer zur industriellen Wirtschaftsverfassung. Als temporäre BegleiterscheinuDg der Geburt des modernen Industrialismus, nehmen sie mit dessen siegreichem Vordringen stets ab. Dagegen erscheint als Hauptquelle und als wirksamste Triebfeder der jüdisch-proletarischen Immigration gerade der obsiegende und sich entfaltende Industrialismus, mit welchem insbesondere in Osteuropa die scharf ausgeprägte Tendenz zum Durchbruch gelangt, die Juden aus allen relativ höheren sozialen und wirtschaftlichen Positionen hinauszudrängen und jedenfalls sie von diesen fernzuhalten. Demgemäß muß die jüdische Auswanderung als Folgeerscheinung des kapitalistischen Aufschwungs der Ostländer mit demselben nicht ab-, sondern zunehmen. Diese Erkenntnis muß eine realistische und weitsichtige jüdische Immigrationspolitik stets vor Augen haben, HI. Die uns hier interessierende Form des Arbeitsprotektionismus kann von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet werden. Es kann hier als Einteilungsprinzip und als Richtschnur der Betrachtung der Grad der Organisiertheit der Abwehr resp. des Schutzes sein, wie: die unorganisierte Selbsthilfe, Gewerkschaftspolitik, sozialistische Parteipolitik, Gesetzgebung der Munizipalität, der Provinz, des Staates, internationale Regelung. Oder die Art und der konkrete Inhalt der Abwehr- resp. Schutzmaßnahmen wie: absoluter Ausschluß der Immigration für enger und weiter gezogene Kreise von Einwanderern; die verschiedenartigen relativen Einschränkungen, z. B. je nach Vermögen, Gesundheit, Bildung, Beschäftigung, Alter etc. Schließlich kann als Einteilungsprinzip auch der Abstand zwischen den Einheimischen und den Immigranten gewählt werden, sei es der ethnisch-anthropologische Abstand — Rasse, der geistigkulturelle — Nationalität oder der politische — Kommunal-, Provinz- oder Staats-Angehörigkeit. Alle diese Einteilungs- und Betrachtungsarten werden jedoch notwendigerweise in größerem oder geringerem Maße nur das Aeußere des Problems streifen. Denn tatsächlich handelt es sich ja hier offenkundig in erster Reihe um ökonomische Konkurrenzverhältnisse und folglich ist bei ihrer Betrachtung in jeder Beziehung von wesentlichster und maßgebendster Bedeutung der sozial - wirtschaftliche Abstand zwischen den Einheimischen und Einwanderern und die Gefahr, die die letzteren für die ersteren in dieser Beziehung darstellen. Alle anderen Differenzen dienen in der Regel nur als äusserer Anlaß und als formale Hülle für die Einwanderungsbeschränkungen und kommen daher faktisch nur insofern in Betracht, als sie den Grad jenes sozial-wirtschaftlichen Abstandes mitbestimmen. Grade von diesem Gesichtspunkte aber enthält die jüdisch-proletarische Einwanderung neben den

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