Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 7 (1911)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1911)
- Article
- Immigration - Arbeiterkonkurrenz - Arbeitsprotektionismus
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
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- 68 — Nation durch die Herabsetzung ihres eigenen Lebensniveaus die Arbeiterbewegung der anderen Nationen fördern soll. Das aber mutet man eben dem Proletariat der Einwanderungsländer zu, wenn man von ihm die Befürwortung der unbeschränkten Einwanderung fremdnationaler Arbeiter erwartet. „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! heißt nicht, daß die Arbeiter der ganzen Welt nach einem Lande auswandern sollen," bemerkte sarkastisch auf dem Arbeiterkongreß zu Chicago 1910 — Untermann, der Vorsitzende des Komitees zur Untersuchung der Einwanderungsfrage. Ganz besonders wird durch diese Bemerkung die jüdisch - proletarische Wanderung betroffen, die sich bekanntlich in den letzten Jahrzehnten aus sämtlichen Ostländern in die amerikanischen Großstädte konzentriert. In der Tat, wenn man näher die Wirkungen betrachtet, wyelche die Masseneinwanderung fremder Arbeitskräfte auf das heimische Proletariat ausübt, wird man die ablehnende Stellungnahme des letzteren wohl schwer mißbilligen können. Lohndruck, Vergrößerung der Arbeitslosenarmee, Verschärfung der Wohnungsnot, Verdrängung der Frauen- und Kinderarbeit, Veiiangsamung des technischindustriellen Fortschritts, Schaffung von neuen in jeder Beziehung rückständigen Arbeitsformen, — das alles sind ihre regelmäßigen und direkten Folgen. Und grade bei der jüdischen Immigration äußern sich diese negativen Wirkungen infolge ihrer eigenartigen beruflichen Zusammensetzung und ihrer konzentrierenden Tendenzen und Formen in besonders empfindlicher und scharf ausgeprägter Weise, wie es z. B. J. Gobson in seinen „Problemen der Armut und Arbeitslosigkeit" in Bezug auf die jüdische Einwanderung in England sehr eingehend und einleuchtend ausführt. Die jüdische Immigration führt nach seiner Meinung oft zur Herabminderung des Arbeitslohnes sogar unter das Minimum der Lebensmittel des heimischen Arbeiters. Die jüdische Einwanderung sei es ferner die an die Stelle der Fabrikmdustrie in einigen Arbeitszweigen das Sweating-System, diese niedrigste Industrieform und wirksamste Quelle des Arbeiterelends gesetzt hat. Diese Schäden werden durch die unbedeutenden positiven Wirkungen der jüdischen Einwanderung nicht aufgewogen. In noch größerem Maße gilt das Gesagte von der jüdischen Einwanderung in Amerika. Wie sollten nun alle diese negativen Wirkungen durch das ideologische Solidaritätsmoment aufgewogen werden? „Es ist sehr fraglich, bemerkt darüber zutreffend Bauer1), ob der englische Schneider oder Schuhmacher, der sich durch die Schwitzarbeit der jüdischen Einwanderer verdrängt sieht und an den Türen der kapitalistischen Verleger die Worte „No English need apply" (Engländer brauchen sich nicht zu bewerben) angeschlagen findet, oder (!) der weiße Arbeiter in Südafrika, der sieht, wie allmählich selbst gut entlohnte gelernte Arbeiter durch die schmutzigen gelben Kulis ersetzt werden, sich damit trösten kann, daß vielleicht die Söhne oder Enkel der Einwanderer ähnliche Forderungen stellen werden wie die, deren Erfüllung heute der Zustrom der Einwanderer verhindert. Ähnlich äußert sich einer der ältesten und angesehensten nicht deutschen Sozialdemokraten Paeplow2) auf dem Amsterdamer Sozialistenkongreß 1904: „Niemals hätte Marx verlangt, die rückständigsten Arbeiter ohne jede Rücksicht auf die konkreten Verhältnisse des engeren Landes hineinzulassen, zu verlangen, daß z. B. die deutschen Bauarbeiter sich ihre Lage durch schrankenlose Einwanderung der italienischen Arbeiter bedeutend verschlimmern lassen." Wir gelangen also zum Ergebnis, daß die massenweise Einwanderung fremder Arbeitskräfte zu unvermeidlichen Konkurrenzkämpfen mit der einheimischen Arbeiterschaft führen muß. Gehören dabei die Einwanderer zu 1) „Proletarische Wanderungen*. Neue Zeit XXV, B. II, p. 408—1. 2) Sozial. Monatshefte. 1904. B. II p. 408