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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 67

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
7 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Article
Immigration - Arbeiterkonkurrenz - Arbeitsprotektionismus
Date
1911-05-01
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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— 67 freiheit eintraten. Kann den ersteren daraus ein Vorwurf gemacht werden? Kann man ferner darauf rechnen, daß sie mit fortschreitender Entwicklung ihres proletarischen Klassenbewußtseins von ihrer bisherigen antialienistischen Politik abstehen werden? Leider beweist eine unbefangene und allseitige Betrachtung des Problems, daß dies kaum zu erwarten ist. II. Es ist bekanntlich einer der markantesten und positivsten Grundzüge der sozialistischen Politik, daß ihre praktischen Postulate im allgemeinen mit den ideologischen Prinzipien und Endzielen der Arbeiterklasse im Einklang stehen. Nun sind aber auch hier Fälle denkbar, wo die krassen Widersprüche der modernen Wirtschaftsordnung der Übereinstimmung von Gegenwartsbetätigung und Zukunftsideal mächtig entgegenwirken. Zu den kompliziertesten Problemen dieser Art gehört gerade die Migrationsfrage, denn hier treten am schroffsten dem abstraktideologischen Solidaritätsbewußtsein der internationalen Arbeiterklasse die konkre t - materiellen Interessen engerer — etwa nationaler — Arbeitergruppen entgegen. Auf diesem Gebiete zeigt es sich am klarsten, daß auch das Betätigungsgebiet der proletarischen Solidaritätsidee in der heutigen Gesellschaft seine Grenzen hat. Unumschränkt gilt dieses Solidaritätsprinzip nur den sozialen Antagonisten der Arbeiterschaft — also der internationalen Kapitalistenklasse gegenüber. Innerhalb der Arbeiterklasse selbst aber ist es tatsächlich nur solange vollwirksam, als die gegebene, z. B. nationale Arbeitergrappe ihren Emanzipationskampf in den Grenzen ihres eigenen nationalen Arbeitermarktes führt, indem sie ihn zu vertiefen und womöglich mehr ihren Interessen dienstbar zu machen sucht Sobald sie aber ihren Arbeitsmarkt zu übersteigen, ihn räumlich zu erweitern strebt, und zwar auf Kosten des Arbeitsgebietes einer andersnationalen Gruppe, da treten der Solidaritätsidee oft unüberwindliche Hemmnisse in den Weg, da ist der Konkurrenzkampf unvermeidbar. — Sehr zutreffend bemerkt darüber Otto Bauer1): „Aus der Gemeinschaft der proletarischen Interessen, der wechselseitigen Bedingtheit des proletarischen Kampfes folgt ebenso notwendig die gegenseitige Unterstützung des Proletariats im Klassenkampfe wie das Streben nach Fernhaltung der fremden Arbeiter vom eigenen Arbeitsma rkt" Die Theorie und Praxis der Arbeiterbewegung m sämtlichen Ehrwanderungsländern haben es in den letzten Jahren unzweideutig bestätigt. Abgesehen von der amerikanischen und australischen Arbeiterpresse, die sich unaufhörlich und einmütig im Sinne der weitestgehenden Einschränkungen der Immigration äußern, finden wir sogar in der Arbeiterpresse Deutschlands ähnliche Anschauungen vertreten. So schreibt der „Grundstein", das bedeutendste Maurerfachblatt vom 22. X, 1904 in Bezug auf die eingewanderten italienischen Arbeiter: „Hier steht tatsächlich Interesse gegen Interesse innerhalb der Arbeiterschaft selbst: ein Gegensatz, den man mit noch so energischer Berufung auf die internationale Solidarität der Arbeiter nicht überwindet," Noch schärfer äußert sich in den „Sozialistischen Monatsheften"2) F. Laufk ötter: „Die deutsche Arbeiterklasse hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, sich diese minderwertigen Elemente (slavische und italienische Arbeiter) vom Leibe zu halten." Man muß ferner nicht außer Acht lassen, daß das Solidaritätsprinzip auf der weitgehendsten Gegenseitigkeit beruht In der Regel aber steht hier dem einseitig positiven Interesse der einwandernden Arbeiter das negative — der heimischen gegenüber. Und man kann es wohl dem erhabensten Idealismus nicht zumuten, daß die Arbeiterklasse einer!) Neue Zeit, XXV, II B, p. 489. 2) 1904 B. II, p. 806.

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