Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 7 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in Deutschland
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
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— 56 — lassen, daß die jüdische Bevölkerung infolge ihrer eigenartigen gesellschaftlichen und sozialen Struktur einen bestimmten Standard of life hat, den sie nicht aufgeben kann. Eine Umschichtung in Berufsgruppen, die weniger große Ansprüche an Vorbildung und vor allem an Lebenshaltung stellen, ist leicht zu fordern, aber schwer, wenn nicht gar unmöglich durchzuführen. Gewiß bedarf der Bauer, der Handwerker, der Kleinhändler keine so kostspielige und langwierige Berufsvorbereitung, bedarf weniger Betriebsmittel, kann sich mit einer bescheidenerenLebenshaltungbegnügen, würde aber dieser Zustand für jene Schichten, die eine höhere Lebensstellung einnehmen, nicht einen Rückschritt bedeuten? Zum Schlüsse wird noch auf die geringe Sterblichkeit der deutschen Juden hingewiesen, welche eine Korrelaterscheinung der niederen Geburtlichkeit ist und auf die Sorgfalt, die man der heranwachsenden Jugend angedeihen läßt. Die Sterblichkeit der Juden in Deutschland dürfte wohl bald ihren tiefsten Stand erreicht haben, denn über eine gewisse Grenze hinaus läßt sich die Sterblichkeit nicht herunterdrücken. Allerdings kann man einwenden, daß bei einer so geringen Zahl von Geborenen die geringe Sterblichkeit selbstverständlich sei. Das ist im ganzen wohl richtig, jedoch ist zu betonen, daß der Rückgang der Sterblichkeit in den letzten Jahren stärker vor sich gegangen ist als der Rückgang der Geburten. Die Bevölkerungszunahme in Preußen ging vor sich bei abnehmender Geburtenziffer, aber noch stärkerem Sinken der Sterbeziffer, was bevölkerungspolitisch für alle Kulturstaaten als Ideal hingestellt zu werden pflegt. Während nämlich die Geburtenziffer der preußischen Juden von 1905 bis 1907 um 2,4 Prozent gesunken ist, betrug der Rückgang der Sterbeziffer in demselben Zeitraum 3,4 Prozent. Bekannt ist die überaus günstige Säuglingssterblichkeit der Juden. Wir besitzen zwar für die deutschen Staaten keine ziffernmäßige Belege, können aber für Preußen aus dem uns zur Verfügung stehenden Material wenigstens einigermaßen einen Rückschluß ziehen. Hier werden nämlich die Sterbefälle von Personen über und unter 15 Jahren gesondert ausgeschieden. Da aber für die Höhe der Sterbeziffer der unter 15 Jahre alten Personen hauptsächlich die Säuglingssterblichkeit in Frage kommt, wollen wir diese Ziffern erwähnen. Es betrug bei den Juden im Jahre 1907 die Sterbeziffer der Personen unter 15 Jahren 2,2 Promille, bei der Gesamtbevölkerung mehr als 9 Promille. Die Pflege, welche der heranwachsenden jüdischen Generation zuteil wird, müßte sich auch bei der Militär tau glichkeit der Juden zeigen. Leider besitzen wir hierfür nur Angaben über die Studierenden auf den preußischen Universitäten.1) Es waren unter 100 reichsiniändischen Studenten im Durchschnitt im Sommersemester 1905 und Wintersemester 1905/06 6,97 Juden. Der Prozentsatz der dienenden jüdischen Studierenden war etwas höher als ihr Anteil an den Studierenden überhaupt. Er betrug 7,07 Prozent. Die Sorgfalt, welche auf die Kinder verwendet wird, ist als Präventionsmittel für den aufregenden Daseinskampf sehr vonnöten. Aber auch für die Gesamtentwicklung der deutschen Judenheit ist es nicht hoch genug anzuschlagen, daß anstelle des durch jahrhundertlange Ghettoleiden geschwächten Geschlechts eine Generation aufwächst, die sich körperlich kräftig entwickelt. Es würde den Rahmen dieser Einleitung überschreiten, wenn wir den Nachweis erbringen wollten, daß die aus dem Familiensinn resultierenden Gründe, die zugunsten der geringen Geburtenzahl vorgebracht werden, nicht imstande sind, uns über die schweren Nachteile hinwegzutäuschen, welche die Herabminderung der Fortpflanzungstätigkeit für die jüdische Gesamtheit im Gefolge hat. Denken wir nur an folgende Tatsache. Jeder Mensch bedeutet eine produktive Kraft, gleichgiltig ob er sich auf wirtschaftlichem oder rein geistigem Gebiete betätigt. Von diesem i) Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden, -i. Jahrg., rieft IX: Die Juden auf preußischen Universitäten (Dr. Blau).