Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 7 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in Deutschland
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2650397-3187691-3187695-3191222--3034-3191247- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 55 — sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet haben und von denen vorzugsweise die Juden beeinflußt worden sind. Sie hat zu einer rationalistischen Denkweise inbezug auf die Fortpflanzung geführt, die zuerst in den oberen Schichten der Bevölkerung Platz gegriffen hat, allmählich aber immer weitere Kreise erfaßt. Während aber die rationalistische Auffassung in den sozial hochstehenden Klassen der nichtjüdischen Bevölkerung ihren Grund vorzugsweise in der Erwägung hat, sich selbst möglichst viel Lebensgenuß zu verschaffen, ist bei den Juden der ideale Gedanke ausschlaggebend, den Kindern eine möglichst gute Erziehung angedeihen zu lassen und einen möglichst großen Teil des Vermögens zu vererben. Dafür spricht der ausgeprägte Familiensinn, der bei ihnen herrscht, für dessen Vorhandensein wir an anderer Stelle genügend statistische Belege gebracht haben.x) Aus diesem Familienleben heraus sind die folgenden Gründe zu betrachten, die zugunsten der Beschränkung der Kinderzahl ins Feld geführt werden. Zunächst steht soviel fest, daß gegenwärtig in dem wilden Wirtschaftskampfe, bei der starken Konkurrenz, die in jedem Berufszweige herrscht, nur derjenige Aussicht hat sich zu behaupten und vorwärts zu kommen, der mit der erforderlichen Vorbildung ausgerüstet und mit den materiellen Mitteln ausgestattet ist, welche für diesen Kampf notwendig sind. Da ist es erklärlich, wenn Eltern, die selbst im Wirtschaftskampfe stehen und mit dessen Härten wohl vertraut sind, es als ihre Pflicht den Kindern gegenüber ansehen, ihnen jene Erziehung angedeihen zu lassen, die sie befähigt, im Konkurrenzstreit nicht zu unterliegen, daß sie ferner bestrebt sind, sie auch wirtschaftlich so zu stärken, daß sie eine genügend starke Basis i) Ehescheidungen in Berlin. (Zeitschrift für Demogr. u. Statistik der Juden, 6 Jhrg., Heft 4), Säuglingssterblichkeit und Sterblichkeit der Frau im Wochenbett: Die Entwicklung der judischen Bevölkerung in München. S. 100. besitzen, um den Kampf aufnehmen zu können. Die großen Anforderungen, welche hierdurch an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Eltern gestellt werden, führen zur Herabminderung der Fortpflanzung. Die Wirkung dieser Erwägungen können wir tagtäglich wahrnehmen. Der Jude nimmt heute im großen Wettstreite, der auf allen geistigen und wirtschaftlichen Gebieten herrscht, infolge seiner guten Ausbildung und materieller Machtmittel eine hervorragende Stellung ein. Man wird nun vielleicht entgegenhalten, daß auch in früheren Zeiten die Juden trotz ihrer großen Fruchtbarkeit es auf geistigem und wirtschaftlichen Gebiete weit gebracht haben. Darauf ist zu erwidern, daß ein Vergleich der früheren Zeiten mit der Gegenwart nicht angängig ist. Während nämlich früher weitaus der größte Teil der Gesamtbevölkerung landwirtschaftlich tätig war oder dem Handwerkerstande angehörte und den Handel den Juden überließ, sodaß sie in diesem eine prädominierende Stellung einnehmen, ja gewisse Zweige geradezu monopolisierten, sind sie heute durch Herreinströmen großer Massen aus der Landwirtschaft in die handeltreibende Klasse gezwungen, alle geistigen und materiellen Kräfte anzuspannen, um nicht herausgedrängt zu werden. Der Konkurrenzkampf war eben in solcher Schärfe wie heute zu keiner Zeit entbrannt. Zur Illustrierung des Bildungsstrebens unter der jüdischen Bevölkerung wollen wir einige Ziffern aus der Berliner Unterrichtsstatistik heranziehen.]) Während der Anteil der Juden an der Berliner Gesamtbevölkerung 4,76 Prozent ausmachte, betrug der Prozentsatz der jüdischen Schüler in den Gymnasien im Jahre 1906 24,60, in den Realgymnasien 18,70, Oberrealschulen 11,40, städtischen Realschulen 7,10, öffentlichen höheren Mädchenschulen 30,00. Des weiteren darf man nicht außer acht 2) Vergl. hierzu den Artikel: Schulbesuch christlicher und jüdischer Kinder in Berlin von 1897 bis 1906. (Dr. SegalJ) in der Zeitschr. für Demogr. und Statistik der Juden. 5. Jahrg., Heft 8.