Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 7 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in Deutschland
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
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— 57 — Gesichtspunkt aus betrachtet, ist sowohl der Tod eines Menschen im produktiven Alter als auch die Verhütung der Reproduktion ein volkswirtschaftlicher Verlust, Wir können aus dem Negativen einen Schluß auf das Positive ziehen. Vergleichen wir nur den Rückgang Frankreichs, das bekanntlich dem Zweikind ersystem huldigt, und den Aufschwung Deutschlands, wo das natürliche Wachstum der Bevölkerung günstig ist, das Aufblühen der westlichen Provinzen des deutschen Reiches mit ihrer Massenkonzentration mit der langsamen Entwicklung der östlichen Gebiete, die eine bescheidene Zunahme aufweisen. Wir können hier diese Seite des Problems nur streifen. Die Wichtigkeit desselben zwingt uns, in einer besonderen Abhandlung zu diese Frage Stellung zu nehmen. Wie bei der Gesamtbevölkerung das Streben nach besseren Erwerbsstätten, nach vorteilhafteren wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen eine Verschiebung der Bevölkerungsmasse innerhalb des Reiches mit sich gebracht hat, indem eine Abwanderung aus landwirtschaftlichen Gegenden in industrielle Gebiete stattfand, große Wanderungsströme sich von Osten nach Westen ergossen, so haben auch innerhalb der jüdischen Bevölkerung aus demselben Grund schon viel früher sich Verschiebungen vollzogen, indem auch sie die östlichen Provinzen verließen und sich den westlicher gelegenen zuwendeten. Für Preußen können wir die Binnenwanderungen in den letzten 25 Jahren in folgender Tabelle vor Augen führen. Sie zeigt uns, daß anfangs der 80 er Jahre aus fast sämtlichen Provinzen eine mehr oder Provinz 1SS0—1885___ Zu-(+)cd. durchschr.. Ab- (- ) jähr!. pCt. wand abs. d. Bevöik. 1890 -1895 Zu (-4-1 od.jdurchschn. Ab- (—)!jährt. pCt wand, abs d. Bevöik. Zu-(+)od. durchschn. Ab- '(—) jährl. pCt. wand. abs. d. Bevöik. luOO -1905 Ostpreußen . . . Westpreußen . . Brandenburg Stadtkreis Berlin . Pommern . . Posen ..... Schlesien. . . . Sachsen . . . , Schleswig-Holstein Hannover . „ . Westfalen . . . Hessen Nassau . . Rheinprovinz . . + 3965 3675 684 6927 1465 8371 3947 169 129 749 1334 539 1229 -46,8 -28,7 -11,2 -23,4 21,5 -31,1 -10,9 - 4;s - 7,0 -10,0 -14,1 - 2,5 - 5,5 — 668 —2280 +4137 +3347 -1157 -5192 —1781 — 649 — 85 — 769 — 785 — 503 — 721 - 9,2 -22,2 -74,6 - 7,9 -19,4 -24,6 - 7,6 -16,3 - 4,6 -10,1 - 8,1 -22 - 2$ - 560 - 2459 -14227 - 4256 - 1306 - 4S47 - 1490 - 297 - 307 - 366 - 944 - 605 - 7/7 -42,3 -14,3 +43,0 + 4,4 -12,7 -14,7 - 3,1 — 7,3 - 9,0 ~ 2,3 — 4,5 + 1,2 + 1,2 weniger starke Abwanderung vor sich ging und nur Brandenburg, der Stadtkreis Berlin und die Provinz Sachsen als Aufnahmegebiete in Betracht kamen. Ein Jahrzehnt später hat die Wanderungslust bereits abgenommen. Es ist eine größere Seßhaftigkeit eingetreten, an der allerdings zum Teil der Umstand mit schuld gewesen sein mag, daß schon eine sehr starkeEntvölkerung der östlichenProvinzen vor sich gegangen war. Ein Jahrzehnt später — der Abfluß aus den Hauptabwanderungsgebieten hat noch mehr nachgelassen. Jetzt erscheinen als weitere Einwanderungsprovinzen Hessen-Nassau und Rheinland, die ja auch das Aufnahmereservoir für die großen Arbeitermassen bilden. Hauptsächlich sind es jedoch Brandenburg und der Stadtkreis Berlin, welche auf die jüdische Provinzbevölkerung die stärkste Anziehungskraft ausüben. Es ist der Zug in die Stadt, der hierin zum Ausdrucke kommt. Damit sind wir an dem letzten Punkt angelangt, den wir zur vollständigen Charakterisierung der gegenwärtigen allgemeinen Verhältnisse der Juden in Deutschland streifen müssen. Es ist die Verteilung der jüdischen Bevölkerung im Reich und Bundesstaaten auf die einzelnen Ortsgrößenklassen, mit anderen Worten, die schon oft behandelte Frage des Zuges vom Lande in die Stadt. WTas Deutschland im ganzen anlangt, so sind