Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 7 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in Deutschland
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
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— 53 — örterung dieses Problems müssen wir jedoch einige Bemerkungen voranschicken. Zunächst muß man sich wohl hüten, in volkswirtschaftlichen Fragen, auch wenn eine Fülle zuverlässigen statistischen Materials vorliegt, aus Erscheinungen der Vergangenheit allgemeine Schlußfolgerungen für die Zukunft zu ziehen. Denn der Begriff eines volkswirtschaftlichen Gesetzes in dem Sinne wie eines naturwissenschaftlichen Gesetzes ist nur mit Vorsicht zu gebrauchen, ganz besonders weim es sich, wie in vorliegendem Falle um Erscheinungen handelt, die eine Verkettung menschlicher Willensbetätigungen und zahlreicher äußerer Umstände darstellen. Die natürliche Entwicklung eines Volksganzen und auch Volksteils wird von so vielen äußeren und inneren Momenten beeinflußt, ist so sehr im Flusse, daß wohl gewisse Grundlinien zu Tage treten, der Verlauf jedoch nicht mit alier Bestimmtheit vorausgesagt werden kann. Was speziell die jüdische Bevölkerung anlangt, so kommt hinzu, daß es sich bei dieser um eine ganz eigenartige Masse handelt, deren Lebensäußerungen nicht schlechthin mit jenen der Gesamtbevölkerung verglichen werden dürfen. Dies müssen wir mit aller Schärfe betonen in Ansehung der ständigen Vergleiche, die von gegnerischer Seite gemacht werden. Wir haben hier einen Ausschnitt aus der großen Menge vor uns, dessen historische Entwicklung und Aufbau grundverschieden sind von jenem der Gesamtmasse. Auf diesen Punkt werden wir später noch ausführlicher zurückkommen müssen. Da uns für das Reich keine Ziffern zur Verfügung stehen, werden wir Preußen, Bayern, Württemberg und Hessen zum Vergleiche heranziehen. Es betrug im Jahre 1908 die Zahl der Geburten (Lebend- und Totgeburten): u _ . O \ ul Juden Gesamtbe* :0 T3 O :© O <ü o « Ä : " :0 so absolut voikerung ,3^ ü *5 o 5 : «s CO SS -o 03 In Preußen 7340 1 1308283; 17,55 33,79 „ Bayern 914 1 232397 j 16,45 34,65 „ Württemberg 186 | 76368! 15,33 32,21 „ Hessen 489! 38571! 19,18 30,74 Es betrug im Jahre 1908 die Zahl der Gestorbenen (einschl. Totgeborenen): Juden absolut Gesamtbevoikerung auf 1000 | der jüd. Bevölker. auf 1000 der Ges.- ■ Bevölker. In Preußen 5948; 73260S 14,23 18,92 >; Bayern 768! 146179 13,82 21,S0 jj Württenberg 193! 44791 15,98 18,88 n Hessen 383 20773 15,43 16,55 Es betrug daher im Jahre 1908 die natürliche Zunahme: Juden absolut Gesamtbevölkerung C -O t O 53 J£ ^7,0 \ 3 ° V : 3 & auf 1000 der Ges-. ßevölher. In Preußen 1392 575675 3,32! U,87 w Bayern 146 86218 2,63! 12,85 Württemberg — 7 31577 -0,65! 13,33 /; Hessen 106 17798 3,75! 14,19 Diese wenigen Zahlen geben ein einigermaßen deutliches Bild von dem gegenwärtigen Stande der natürlichen Zunahme der jüdischen Bevölkerung in den wichtigsten Bundesstaaten. Sie zeigen uns, daß der Geburtenüberschuß überaus niedrig und vier- bis fünfmal kleiner ist, als bei der Gesamtb evölkerung. Die Gründe für diese sehr bedenkliche Erscheinung sind sowohl in dieser Zeitschrift als auch in größeren Werken des öfteren ausführlich dargetan worden, sodaß wir uns kurz fassen können. Nur einige vielleicht noch nicht genügend hervorgehobene Momente hinsichtlich der Beurteilung der geringen jüdischen Fruchtbarkeit wollen wir erwähnen. Auch wir können die Tatsache, wie sie einmal vor uns liegt, nicht aus der Welt schaffen, sondern nur vor Uebertreibungen wrarnen und auf manche Lichtseiten, welche sie im Gefolge hat, hinweisen. In erster Linie möchten wir darauf aufmerksam machen, daß die jüdische Geburtenziffer niedriger erscheint sie als der tatsächlichen Fruchtbarkeit der jüdischen Bevölkerung entspricht, und zwar aus einem äußeren Grunde. Wir pflegen zur Beurteilung der jüdischen Geburtenziffer stets die Geburtenziffer der Gesamtbevölkerung des betreffenden Landes heranzuziehen und übersehen dabei, daß die