Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Article
- Die Zerstreutheit der jüdischen Bevölkerung in Rußland und die Großindustrie
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 161 (sequence 3)
- Language
- German
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— 161 — stimmten Unternehmen das Uebergewicht j erlangt haben, üben sie schon kraft ihres 1 Daseins eine mächtige werbende Anziehungs- | kraft auf die Arbeiter ihrer ethnischen Gruppe j und eine zurückhaltende, abstossende Kraft j auf die Arbeiter ariderer ethnischer Gruppen j aus. Da nun die jüdischen Arbeiter, infolge j ihrer kleinen Anzahl in keinem Zweige der j Großindustrie vorherrschen, ja nicht einmal j irgend ein Unternehmen des Großbetriebes j ganz allein besetzen können, so müssen sie j in einem solchen Betriebe immer eine unbej deutende Minderheit bilden; schon von vornherj ein kommen sie nur mit großer Mühe in solche j Betriebe hinein. Aber auch die, die hineinj kommen, werden mit der Zeit unvermeidlich j von den Arbeitern anderer Bevölkerungsj gruppen abgestoßen. Dies ist eben der Grund I dafür, daß die Zweige der Großindustrie für die I Juden fast ganz unzugänglich bleiben, daß; die Juden sich hauptsächlich um die Kleinj betriebe gruppieren müssen und vornehmlich j nur auf jene Berufe angewiesen sind, welche j die Teilnahme einer nur verhältnismäßig gej ringen Arbeiterzahl erfordern. j Auch auf dem Gebiete jener Berufe, die unter den Juden verbreitet sind, bleiben für die Juden vornehmlich nur jene Beschäftigungen, die von einer geringen Arbeiteranzahl verrichtet werden. Dies gilt nicht nur für jene Zweige der Großindustrie, die sich verhältnismäßig spät entwickelt haben, die einen großkapitalistischen Charakter tragen und die als die vorteilhaftesten für die darin beschäftigten Personen gelten, sondern auch für jene Industrien, die schon lange bestehen und keine kapitalistische Organisation kennen. Die oberfläehliche Beobachtung der Verteilung der jüdischen Arbeit nach verschiedenen Berufen kann, uns das beweisen. So z. B., zählte man unter den Juden sehr viele Ofensetzer, Töpfer, Ziegelbearbeiter usw., sie sind aber fast gar nicht in dem verwandten Berufe der Maurer vertreten, der große Arbeitermassen absorbiert, obwohl j dieser Beruf nicht kapitalistisch organisiert j ist und folglich, nach einigen nationalistischen j Theorien den Juden ebenso zugänglich sein müßte, wie alle sonstigen nichtkapitalistischen Beschäftigungen. Doch ist die Unzugänglichkeit dieser Berufe durch nichts anderes bedingt als durch den Umstand, daß sie einer gemeinsamen Zusammenarbeit vieler Personen bedürfen, und daß die Juden infolge ihrer Zerstreuung sie nicht besetzen können. Während die Erzeugnisse jüdischer Handwerker weit über das Gebiet des Ansiedlungsrayons hinaus abgesetzt werden, während die Zahl der im Baugewerbe beschäftigten jüdischen Arbeiter fortwährend steigt, während die jüdischen Zimmerer, Dachdecker, Glaser und Maler immer mehr in das Land eindringen, werden die Maurer noch immer, auch in den Städten des Ansiedlungsrayons, fast ausschließlich aus großrussischen Bauern geworben. Selbstverständlich mußte sich diese Unfähigkeit, solche Beschäftigungen zu ergreifen, die eine kollektive Zusammenarbeit von Arbeitermassen verlangen, am stärksten mit dem Auftauchen der Großindustrie bemerkbar machen, die sich eben auf die Vereinigung der kollektiven Kräfte von Arbeitermassen gründet. Die Juden konnten in die Großindustrie nicht gelangen, und sie mußten sich den kleinen zerstreuten und auseinanderliegenden Berufen widmen, die sie auch vollbesetzt haben. Nicht weil die Juden für die großindustrieilen Berufe unfähig waren, sondern weil sie infoige ihrer kleinen Anzahl nicht im Stande waren, diese ganze Industrie mit Arbeitern zu versehen, konnten sie in die Großindustrie nicht eindringen. Und tatsächlich sind unter den Juden zwar solche Berufe entwickelt, die wie z. B. das Weber-, Schmiede-und mechanische Schlosserhandwerk großkapitalistisch organisiert sind, aber auch im Gebiete dieser Berufe müssen sich die jüdischen Handwerker nur auf jene Funktionen beschränken, die durch die Arbeit weniger Personen verrichtet werden und die sich natürlich als die unvorteilhaftesten erweisen. So ist z. B. der Beruf des Webers unter den Juden ziemlich verbreitet. Doch ist er da nur insofern entwickelt, als er als Handwerk