Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 162

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
6 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Article
Die Zerstreutheit der jüdischen Bevölkerung in Rußland und die Großindustrie
Date
1910-11-01
Page
Seite 162 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2650397-3187678-3187689-3190957--2841-3190992
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 162 — verrichtet werden kann, das keine Vereinigung vieler Arbeiter erfordert. Mit der Verbreitung der mechanischen Weberei, die eine Arbeitsvereinigung vieler Arbeiter erfordert, mußte die Produktion natürlich zu jenen Bevölkerungsgruppen übergehen, die ein Massenkontingent von Arbeitern liefern konnten, und so ist den jüdischen Webern der Zutritt zu jenen großen Betrieben verschlossen, wo die mechanische Weherei angewendet wird. Sie mußten daher bei der Handweberei bleiben und bilden im Gebiete der Textilindustrie Polens und des Belostoker Rayons die allerletzte Arbeiterkategorie, die am schlimmsten bezahlt wird und die bei der geringsten Schwankung der Konjunktur, bei den ersten Anzeichen der Arbeitslosigkeit, bei den ersten Stockungen der Industrie früher als alle übrigen von dem Markte vei drängt wird, während sie im südwestlichen Gebiete sich um die kleinen, sehr unentwickelten Betriebe der Leinenweberei und Hanfspinnerei gruppieren. Diese Unfähigkeit der zerstreuten jüdischen Bevölkerung, den Bedingungen der Großindustrie zu genügen, hat sich noch dadurch vervielfacht,daß die Großindustrie sich im Ansiedlungsrayon nie und in Polen sich nicht allmählich, nicht organisch entwickelt hat, sondern plötzlich angepflanzt wurde. Die Anpflanzung der Textil- und Kohlenindustrie in Südrußland und in Polen hat eine plötzliche Nachfrage nach Arbeitermassen hervorgerufen, an die sich die jüdische Bevölkerung nicht anpassen konnte und die nur von der sie umgebenden nichtjüdischen Bevölkerung gedeckt werden konnte. Die zerstreute jüdische Bevölkerung konnte weder an die Kohlenhütten, noch an die Eisen- und Eisenbahnwagen-Industrie, die eine plötzliche Nachfrage nach tausend- und zehntausendköpfigen Arbeitermassen stellte, entsprechende Arbeiterkadren abgeben. Umgekehrt zeigen diejenigen Industriezweige, die sich allmählich, organisch entwickelt haben, die aus dem natürlichen Wachstum der Bedürfnisse emporgewachsen sind, ein günstigeres Bild. Die jüdische Bevölkerung hatte da die Möglichkeit gehabt, sich allmählich an die Nachfrage nach einer Arbeitermasse anzupassen, und in denjenigen Industrien, deren Betriebe nicht mehr als 80—100 Arbeiter erfordern, nimmt die jüdische Arbeit eine ziemlich bedeutende, wenn nicht ausschließliche Position ein. So verhält es sich bei den Tabak-, Leder-, Borsten-, Möbel- und teilweise auch Schlosser- und Schmiedeindustrien. Diese Industrien erscheinen hiermit als die Sammelpunkte der jüdischen Arbeitermassen, und die Entwicklung dieser Industrien ist daher sehr wichtig nicht nur vom Standpunkte der Interessen der daran teilnehmenden Personen, sondern auch vom Standpunkte der Konzentration der kollektiven Kräfte der jüdischen Arbeit — denn es hängt das Schicksal der ganzen künftigen jüdischen Industrie von dieser Konzentration ab. Nicht im Zusammenhäufen, sondern in der Zeustreutheit der jüdischen Bevölkerung im Ansiedlungsrayon liegt jene Plage, unter der nicht nur das arbeitende Judentum der Gegenwart leidet, sondern die auch die Zukunft der jüdischen Arbeitsmassen bedroht. Studenientum und Judentum in Rußland. Von Dr. S. Weißenberg in Elisabethgrad. Eine Enquete unter den Hörern des Technologischen Instituts zu St. Petersburg, deren Resultate in der Bearbeitung von Gusselschtschikow im Juniheft der Monatsschrift „Russkoje Bogatswo", 1910. vorliegen, förderte höchst interessante Ergebnisse zutage, erstens in Beziehung auf die Parteizugehörigkeit der Juden selbst und zweitens über das Verhalten der Studenten zu der jetzt in Rußland zu aktuellen Juden!rage. so Die Enquete wurde im November 1909 ausgeführt, nur vier Jahre also nach den ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.