Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Article
- Die Zerstreutheit der jüdischen Bevölkerung in Rußland und die Großindustrie
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 160 (sequence 2)
- Language
- German
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— 160 — bedeutend ist oder war. Nur dann, wenn j diese Annahme richtig wäre, hätte man be- I haupten dürfen, daß die Juden mit der Entj wicklung der Großindustrie aus ihren Berufen verdrängt werden. Doch ist gerade diese Voraussetzung falsch. Tatsächlich ist die Entwicklung der Großindustrie in Rußland nicht von der Koncentration, sondern gerade und vornehmlich von der Einführung neuer Industriezweige bedingt, und es steht nun außer Zweifel, daß neben diesen neuen Industriezweigen sich auch diejenigen entwickeln müssen, in welchen die Juden beschäftigt sind, und daß mit jedem Jahre sowohl die | Dimensionen als auch die Zahl jener Betriebe,! in welchen die Juden beschäftigt sind, steigt. Abgesehen davon schon, daß die Entwicklung der Geldwirtschaft und die Differenzierung der Landesbevölkerung auch fernerhin zur fortgesetzten Zunahme der Masse der Kleinbetriebe führen muß. Es ist aber klar, daß unter solchen Bedingungen die Lage eines gegebenen Industriezweiges schon nicht mehr durch das Merkmal der Dimension des Betriebes entschieden wird, sondern dessen Kraft wird gemessen nach der Anzahl der Wurzeln, welche er in der betreffenden Gegend geschlagen hat, und von diesem Standpunkte aus haben die Industriezweige, an welchen die Juden teilnehmen, zweifelsohne eine festere Position, als viele andere, an welchen die Juden nicht teilnehmen. Dennoch dürfen wir natürlich nicht an der Tatsache vorübergehen, daß die jüdische Arbeit sich für unfähig erweist, in das Gebiet der Großindustrie einzudringen. LTmgekehrt glauben wir, daß diese Tatsache besonders ernste Bedenken erwecken muß. Denn dies hält nicht nur die weitere Entwicklung der jüdischen Arbeit zurück, nicht nur verhindert es das Eindringen der jüdischen Arbeiter in neue Arbeitsgebiete; es steht aber ferner außer Zweifel, daß auch jene Industriezweige, in welchen die Juden heute beschäftigt sind und die noch einen Charakter des Kleingewerbes tragen, sich zu Großbetrieben heranentwickeln werden, und wenn es eine Ursache gibt, die die Juden am Großbetriebe nicht teilnehmen läßt, so könnte es mit der Zeit dazu führen, daß sie auch aus jenen Berufen verdrängt werden, an welchen sie heute noch teilnehmen. Doch behaupten wir, daß die Erklärung dieser Erscheinung nicht da zu suchen ist, wo man sie gewöhnlich sucht, und die darauf zurückgeführt wird, als wären die Juden nicht im Stande, die vorteilhafteren Berufe für sich zu behalten, als müßten sie auf die rückständigsten und uneinträglichsten Berufe angewiesen sein. In der Tat handelt es sich da nicht um die zweifelhaft grössere Vorteilhaftigkeit der Beschäftigung in der Großindustrie, sondern darum, daß die Juden infolge ihrer Lebensbedingungen nicht im Stande sind, aus eigener Kraft die Aufgaben der Großindustrie zu lösen. Diese Lebensbedingungen bestehen in der allgemeinen Zerstreutheit der Juden im Ansiedlungsrayon, in der Tatsache, daß die Juden nirgends in kompakten Massen wohnen. Diese verhältnismäßige Dünnheit der jüdischen Bevölkerung, speziell aber der jüdischen Arbeit Urbevölkerung in jeder gegebenen Gegend läßt die Juden nicht in jene Industrien eindringen, die eine Teilnahme von großen Arbeitermassen erfordern. Infolge ihrer geringen Anzahl sind sie nicht im Stande, all diese Betriebe allein zu besetzen, während die Mitarbeit verschiedener ethnischer Gruppen an denselben Betrieben durch den scharfen Unterschied, der zwischen ihnen besteht? durch die Verschiedenheit in ihrer Kultur, in ihren Gewohnheiten, Neigungen, Traditionen und dergl. ganz ausgeschlossen wird. Dies führt eine Gruppierung der Produktion nach dem ethnischen Bestände der Arbeiter herbei. Jene Gruppe der Bevölkerung, die kraft der beruflichen Gliederung ihrer Arbeiter oder kraft ihrer Zahl am leichtesten das nötige Arbeiterkontingent für die gegebene Produktion liefern kann, erhält allmählich das Uebergewicht nicht nur in jedem einzelnen Betriebe, sondern auch in der gesamten Industrie. Nachdem aber die Arbeiter einer bestimmten ethnischen Gruppe in einem be-