Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1910)
- Article
- Zur Untersuchung der Lage des jüdischen Handwerkerstandes in Rußland
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 128 (sequence 9)
- Language
- German
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— 128 — die diesen Industrieen innewohnen, sprechen beredt die Angaben über die russische Einfuhr. Es genügt darauf hinzuweisen, daß im Jahre 1907 z. B. Erzeugnisse der Möbel-, Gerber- und Kürschnerindustrie im Betrage von zirka 25 Millionen Rubel nach Rußland eingeführt waren. Diese Industrieen zu untersuchen und all die Ursachen aufzufinden, die ihre wirtschaftliche und technische Rückständigkeit bewirken, ist daher eine Aufgabe, deren Erfüllung von unserer sozialpolitischen Tätigkeit nicht aufgeschoben werden darf. IV. Worauf soll nun aber das Hauptgewicht der Untersuchung gelegt werden? Soll man zunächst die Untersuchung der wirtschaftlichen Lage des Handwerks vornehmen, oder soll man die Erforschung der Qualität der technischen Fähigkeit der Bevölkerung in den Vordergrund schieben? Diese Frage ruft einen lebhaften Meinungsstreit hervor. Die Meinungsgegensätze fließen aus einem Grundgegensatz in der Auffassung der sozialpolitischen Aufgaben. Hat sich die sozialpolitische Arbeit auf die Selbsttätigkeit der Bevölkerung zu stützen, oder muß sie die Bevölkerung als einen Gegenstand der weisen Beeinflussung betrachten?, bestehen die sozialpolitischen Aufgaben in der Erleichterung der wirtschaftlichen Tätigkeit der Bevölkerung, in der Steigerung ihres wirtschaftlichen Erfolges, oder bestehen ihre Aufgaben in einer pädagogisch-unterrichtenden Arbeit, in der Besserung und im Vervollkommnen der technischen Tätigkeit der Bevölkerung? Wir glauben, daß der letztere Gesichtspunkt nicht nur den Sinn der sozialpolitischen Tätigkeit entstellt, sondern in ihrer konsequenten Durchführung die Notwendigkeit jeder statistischen Untersuchung des Handwerks überhaupt verneint. Denn die statistische Untersuchung des Handwerks geht von der Annahme aus, daß unbekannte Erscheinungen des Handwerkerlebens untersucht werden müssen, während die Prinzipien der Verbesserung der tech- | irischen Tätigkeit der Bevölkerung von vorn! herein bekannt sind, und die Frage nach der j Art ihrer Verwirklichung hat für ihre j Lösung den schwerfälligen Apparat der sta-! tistisehen Untersuchung nicht nötig — es genügt, daß eine fachkundige Person die Qualität der Handwerksverfahren in der einen oder der anderen Gegend erforscht. Doch darf sich die sozial-politische Tätigkeit nicht auf die enge Sphäre der Verbesserung der technischen Tätigkeit der Bevölkerung; beschränken, und die Notstände des j jüdischen Handwerks sind in erster Linie! nicht in den technischen Zuständen zu suchen. I Wir glauben, daß, wenn das heutige jüdische Handwerk überhaux3t irgendwelche ernste Aufgaben im Gebiete der Handwerkstechnik erschließt, so bestehen diese Aufgaben eher in der Verbreitung der traditionellen H a n d w e r k e r k e n n tnisse unter einer möglichst breiten Bevölkerungsmasse, und diese quantitative Ve r b r e i t u n g ist viel | notwendiger als eine qualitative Hebung der Technik, als eine Hebung des bestehenden technischen Handwerkerni veau s. Es ist überhaupt zu bemerken, daß im Allgemeinen der quantitative Zustand der Hanclwerkstechnik den wirtschaftlichen Verhältnissen entspricht, und nur die Möglichkeit einer Veränderung der wirtschaftlichen Bedingungen kann die Hebung des technischen Niveaus bewirken. Umsomehr gilt dies für das unentwickelte jüdische Handwerk, wo die Technik nur eine seiner Bedingungen bildet, wo sie noch keine selbständige, den ganzen Zustand des Gewerbes bestimmende Bedeutung erlangt hat, wo sie noch ihre fließende bewegliche Form behalten hat, die schnell mit den Bedingungen des Absatzes und mit der bestehenden Nachfrage wechselt. Dies wird nun nicht nur durch die Tatsache erwiesen, daß die zahlreichen jüdischen Handwerkerschulen des Ansiediungsrayons, die sich die Hebung der Technik des jüdischen Hand- J werks zum speziellen Ziele gesetzt haben, die