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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August 1910) · p. Seite 129

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
6 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August 1910)
Article
Zur Untersuchung der Lage des jüdischen Handwerkerstandes in Rußland
Date
1910-08-01
Page
Seite 129 (sequence 10)
Language
German
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— 129 — an sie gestellten Hoffnungen nicht erfüllen, die Sympathie der Bevölkerung nicht erworben und keineswegs das technische Niveau des jüdischen Handwerks im Ansiedlungsrayon beeinflußt haben; acer noch auffallender ist es, daß auch jene Schüler, die diese Schulen fleißig besucht haben und durch die dieselbe das technische Niveau der übrigen Bevölkerung beeinflussen könnten, bei der Absolvierung dieser Schulen keine Möglichkeit j finden konnten, ihre technischen Kenntnisse J auf dem Gebiete des jüdischen Handwerks j anzuwenden. j Aufgaben auf dem Gebiete der Handj werkstechnik müssen also eben nur die letzte \ Phase, den Schlußpunkt der sozialpolitischen; Tätigkeit bilden, nicht aber ihren Anfang, j ihren Ausgangspunkt. Denn das sozial-; politische Leitwort soll Erl e i c h t e r u n g; der wirtschaftlichen Tätigkeit der Bevölkerung, nicht aber ihre Verbesserung heißen; eine breite sozial-politische Tätigkeit muß auf das Zusammenarbeiten mit der wirtschaftlichen Tätigkeit der Bevölkerung gerichtet werden, nicht aber die Rolle eines Schullehrers und Vormundes führen. Die Aufgabe der sozial-politischen Tätigkeit ist es, die Energie der Bevölkerung zu wecken, die persönliche Initiative hervorzurufen, das Auftreten und die Entfaltung aller Kräfte und aller Fähigkeiten der Bevölkerung zu fördern, und dies ist nicht durch die Erziehung der Bevölkerung, sondern durch die Beseitigung der ihrer Selbstbetätigung entgegenstehenden Hindernisse, durch die Erleichterung ihrer Arbeitsbedingungen, durch die Steigerung ihres wirtschaftlichen Erfolges zu erzielen. Daher ist alles, was zur Erleichterung der Absatzbedingungen, zur Organisation des Kredits oder zur Erleichterung der Kreditbedingungen, zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, zur Erhöhung des Arbeitslohnes führt, bei weitem förderlicher für das Leben der Industrie und führt auch viel eher die Verbesserung der Handwerkstechnik herbei, als es alle Handwerkerschulen vermögen. Denn es macht die Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen des Handwerks auch eine Hebung des technischen Niveaus möglich. Und auch in jenen Kreisen, die sich die Verbesserung der Qualität des Handwerks zur Aufgabe stellen, ist man zur Überzeugung gekommen (freilich tastend, rein empirisch, nach einer Reihe von Mißerfolgen), daß die Hebung der Handwrerkstechnik viel eher durch die Einwirkung auf die schon in der Industrie beschäftigten Personen, als durch eine spezielle Erziehung der jungen Generation erzielt werden kann. Von den vieljährigen gewerblichen Tagesschulen für die junge Generation geht man immer mehr und mehr zum freien Unterricht der Erwachsenen, zu Abendkursen, Anstellung von Instruktoren, die zu neuen Handwerksverfahren anleiten, u. s. w. über. Die wirtschaftlichen Bedingungen des Haiidwerkeriebens bestimmen hiermit die ganze Sphäre der sozial-politischen Tätigkeit, von der Organisation des Absatzes der Handwerkserzeugnisse bis zur Entwicklung der Handwerkertechnik, und die Erforschung der wirtschaftlichen Bedingungen des Handwerkerlebens muß daher in den Vordergrund der Untersuchung gestellt werden. Es ist noch zu bemerken, daß die Erforschung der wirtschaftlichen Bedingungen des Handwerkerlebens viel mehr Schwierigkeiten schafft, als die Erforschung der technisch enErscheinungen. Denn die technischenErscheinungendes Handwerks sind konkret, sichtbar, jeder Handwerker hat mit ihnen zu tun und das Konstatieren derselben verlangt von dem Forscher keine besonderen Kenntnisse oder Arbeit. Ganz anders verhält es sich mit wirtschaftlichen Erscheinungen. Sie fallen nicht nur aus dem Gesichtskreise eines jeden einzelnen Handwerkers, sondern es ist schon überhaupt eine besondere Erfahrung und Schärfe der Aufmerksamkeit erforderlich, um sie bemerken und richtig beurteilen zu können. Wirtschaftliche Verhältnisse entschlüpfen daher dem Blicke des Beobachters am leichtesten; daher kann das Vorherrschen des technischen Gesichtspunktes die Untersuchung all ihrer wertvollen und fruchtbaren Resultate berauben.

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