Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1910)
- Article
- Zur Untersuchung der Lage des jüdischen Handwerkerstandes in Rußland
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 126 (sequence 7)
- Language
- German
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— 126 — und dergl. Die Interessen dieser Handwerkszweige — so wird gewöhnlich diese Ansicht motiviert — berühren die allergrößte Zahl jüdischer Handwerker und so müsse die Untersuchung dieser Berufe in den Vordergrund geschoben werden. Bei aller scheinbaren Triftigkeit dieser Ansicht können wir sie keineswegs für unanfechtbar erklären. Der Fehler besteht vielmehr darin, daß sie gerade das für bewiesen hält, was eben erst erwiesen werden muß, was das Wesen der Frage bildet. Es versteht sich, daß, wenn die Untersuchung eines jeden Handwerke? für das Schicksal der Handwerker dieselbe Bedeutung hätte, so würde man j über die Ordnung der Untersuchung nicht j zwei Meinungen haben können, es wäre denn | klar, daß der Vorzug jenen Berufen gebührt, in welchen die Juden am meisten beschäftigt sind. Doch besteht eben das Problem darin, daß nicht alle Berufe ein gleiches Interesse an einer Untersuchung haben, daß die Untersuchung des einen Berufes das Interesse der darin beschäftigten Personen mehr berührt als die Untersuchung der anderen; daher kann auch die Frage nicht nach der Zahl der in verschiedenen Berufen beschäftigten Arbeiter gelöst werden, denn es ist immer möglich, daß die größte Zahl der Handwerker gerade in denjenigen Gewerben beschäftigt ist, für die eine Untersuchung die allergeringste Bedeutung hat. Man muß daher für die Lösung j dieser Frage nach einem anderen Kriterium suchen, und dies ist nur in den objektiven Zuständen des Handwerks gegeben. Welche objektiven Tatsachen entscheiden aber dafür, daß das eine oder das andere Gewerbe in den Vordergrund geschoben wird? Wir glauben, daß es gerade jene Tatsachen sind, die das Interesse der im gegebenen Handwerk beschäftigten Personen am meisten berühren, d. h. solche Zustände, die dem Eingreifen einer sozialpolitischen Beeinflussung zugänglich sind. Es ist überhaupt zu sagen, daß die Durchführung einer Enquete nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie unter dem Zeichen der praktischen sozialpolitischen Tätigkeit steht. Abgesehen schon davon, daß es vom praktischen Gesichtspunkte aus höchst beklagenswert wäre, wenn die ganze Masse der für die Veranstaltung einer Enquete verbrauchten Mittel, Arbeit und Energie ohne jede praktische Anwendung bleiben sollte, ist auch dieser sozialpolitische Gesichtspunkt von allergrößtem theoretischen Werte. Dieser Gesichtspunkt ist es, der die Arbeit vor planloser Zerstückelung bewahrt und sie durch eine allgemeine schöpferische sozialpolitische Idee zusammenhält. Alle Eigenschaften einer Enquete sind dazu angetan, sie zum Werkzeuge einer planmäßigen systematischen sozialpolitischen Tätigkeit zu gestalten. Im Gegensatz zur Zählung hängt bei einer Enquete — wie wir gesehen haben — die Untersuchung eines jeden Betriebes nicht von der gleichzeitigen Untersuchung aller übriger Betriebe ab. Die Untersuchung eines jeden Berufes kann daher zu jedem gegebenen Zeitpunkt beginnen, sobald nur die Rücksichten der praktischen Tätigkeit danach verlangen, ohne daß gleichzeitig auch andere Berufe untersucht werden müssen, deren Untersuchung momentan nicht erforderlich ist. So hat denn die Enquete in erster Linie jene Berufe zu untersuchen, deren Lage von einer sozialpolitischen Tätigkeit beeinflußt werden könnte. Diese sozialpolitische Beeinflussung kann aber entweder auf die Hebung der wirtschaftlichen und technischen Lage des Handwerks, auf die Beseitigung der seiner technischen und wirtschaftlichen Entwicklung im Wege stehenden Hindernisse oder aber auf die Besserang der im gegebenen Handwerk herrschenden Arbeitsbedingungen gerichtet sein. Von diesem Gesichtspunkte aus ist es prinzipiell nicht ausgeschlossen, daß in erster Linie auch jene Berufe untersucht werden könnten, in denen die Anteilnahme der Juden verhältnismäßig gering ist, die aber alle Bedingungen für eine breite Entwicklung in sich tragen. So möchten wir auf einige unter den Juden wenig entwickelte Produktionen, wie z. B. Hanfspinnerei,Leinenweberei, Verfertigung von Jutensäcken u. dgl. hinweisen. Diese